Samstag, 28. März 2026

Prüfwerte für Zündanlagen bei gängigen Rollermotoren

Zum Thema der Zündsysteme bei Rollern erreichen mich immer wieder Fragen. Häufig geht es dabei um die notwendigen Prüfwerte, die für eine Testmessung notwendig sind.

Darum habe ich hier einmal für die gängigsten Motoren die notwendigen Prüfwerte zusammengestellt. Diese Übersicht ist auch als PDF zum Download verfügbar. 

  

Minarellimotoren mit Zündung System Yamaha

 

Zündkerzenstecker:                      5k

Zündspule:                                        oranges Kabel gegen Massekontakt 0,56-0,84
                                                               Hochspannungsanschluss gegen Massekontakt 5,7-8,5
k

Pickup:                                                weiß/blaues Kabel gegen schwarzes Kabel 250-370Ω (Anschluss an der CDI)

Minarellimotoren mit Zündung System Ducati

 

Zündgrundplatte (Messung an den Anschlusskabeln der CDI): grünes Kabel gegen Masse 760 - 840
                                                                                                                         rotes Kabel gegen Masse 100 - 140Ω

Grün ist hierbei die Spannungsversorgung der CDI, rot das Signalkabel vom Pickup.

Morinimotoren mit Zündung System IDM

 

Hinweis: Der Hersteller des Zündsystems ist bei Morinimotoren auf dem Polrad eingeschlagen. Zündanlagen von IDM sind am verbreitetsten, es gab jedoch auch Morinimotoren mit Zündanlagen anderer Hersteller.

Die Messungen erfolgen am Zentralstecker am Kabelbaum des Zündankers, jeweils gegen Masse.

Rot/schwarzes Kabel (Speiseleitung zur CDI): 270
Weiß/rotes Kabel (Speiseleitung des Ladekreis): 0,8Ω
Weiß/gelbes Kabel (Speiseleitung der Lichtanlage): 0,6Ω

PGO-Motoren nach Minarelli-Lizenz

 

In PGO-Motoren, die nach Minarelli-Lizenz gefertigt wurden, befindet sich üblicherweise ein PGO-eigenes Zündsystem.

Die Messung erfolgt hier am Zentralstecker des Zündankers (drei Kabel).

Gelbes Kabel gegen schwarzes Kabel: 0,1-1,0
Weißes Kabel gegen schwarzes Kabel: 0,2-2,0Ω

Zur Prüfung der CDI wurde von PGO ein spezieller CDI-Tester angeboten. Dieser findet sich üblicherweise nur in den Vertragswerkstätten. Zur Prüfung ist hier eine Vergleichsmessung mit einer bekannt funktionierenden CDI oder direktes Testen am Fahrzeug empfohlen.

GY6-Motoren (China Viertaktmotoren)

 

Hinweis: Diese Motoren wurden in großer Variantenvielfalt angeboten. Die hier genannten Prüfwerte entsprechen der Modellgeneration QM50QT.

Die Messung erfolgt hier am Zentralstecker des Zündankers.

Gelb/weißes Kabel gegen Masse:          0,7-0,9
Weißes Kabel gegen Masse:                     1,0-1,2 Ω

SanYang (SYM) Zweitaktmotoren

 

Die Messung erfolgt hier am Zentralstecker des Zündankers, jeweils gegen Masse.

Weißes Kabel gegen Masse:                      0,2-1,0
Gelbes Kabel gegen Masse:                       0,1-0,8Ω
Blau/gelbes Kabel gegen Masse:             50-200Ω
Schwarz/rotes Kabel gegen Masse:       400-800Ω

 

Prüfung der Zündspule:

Speiseanschluss gegen Masseanschluss: 0,19-0,23Ω (Primärspule)
Masseanschluss gegen Anschluss des Zündkabels: 3,1-3,2Ω

 

Prüfung der Anschlussleitungen der CDI. Es gibt an der CDI zwei blau/gelbe Kabel, eines führt zum Pickup, das andere zur Zündspule.

Schwarz/weißes Kabel gegen Masse:   Durchgang bei eingeschalteter Zündung
Schwarz/rotes Kabel gegen Masse:       400-800
Blau/gelbes Kabel gegen Masse:             50-200Ω
Blau/gelbes Kabel gegen Masse:             019-0,23Ω

 

Zur Prüfung der CDI wurde von Sym ein spezieller CDI-Tester angeboten. Dieser findet sich üblicherweise nur in den Vertragswerkstätten. Zur Prüfung ist hier eine Vergleichsmessung mit einer bekannt funktionierenden CDI oder direktes Testen am Fahrzeug empfohlen.

Aprilia/Morini Einspritzer-Zweitaktmotoren der ersten Generation (DiTech)

 

Bei den Motoren der DiTech-Generation wird ein spezifischer Zündanker verwendet. Dieser ist wie folgt prüfbar.

Rot/weißes Kabel gegen Masse:             500Ω (Toleranzbereich +/-20%) (Pickupleitung)
Schwarz/rotes Kabel gegen Masse:       800Ω (Toleranzbereich +/-20%) (Zündspeiseleitung zur CDI)

Zündspule:

Speiseanschluss gegen Masse:                                                0,7Ω (Toleranzbereich +/-20%)
Anschluss des Zündkabels gegen Masse:            5kΩ (Toleranzbereich +/-25%)

Piaggio Zweitakt-Automatikmotoren (erste Generation)

 

Motoren/Zündsysteme dieser Baureihe sind daran zu erkennen, dass vom Zündanker zwei Kabelstränge abgehen. Einer davon endet an einem runden Kunststoffstecker, über den die Verbindung zum Hauptkabelbaum des Fahrzeugs hergestellt wird. Der andere endet in drei losen Kabelschuhen an der CDI. Die Messung des Widerstandes erfolgt an diesen Kabeln an der CDI.

Piaggio verwendete dieses System bis Anfang der 200er-Jahre.

 

Grünes Kabel gegen weißes Kabel:        88Ω (Toleranzbereich +-5Ω)

Grünes Kabel gegen rotes Kabel:            980-55Ω

 

Piaggio Zweitakt-Automatikmotoren (zweite Generation)

 

Motoren/Zündsysteme dieser Baureihe sind daran zu erkennen, dass sich direkt an der Zündung ein Zentralstecker befindet. An der CDI ist ein 3/4poliger Mehrfachstecker.

Die Messungen erfolgen hier sowohl am CDI-Anschluss als auch am Zentralstecker.

An der CDI:

Rotes Kabel gegen weißes Kabel:           90Ω (Toleranzbereich +- 140Ω)

Weißes Kabel gegen Motorgehäuse:    0Ω

 

Am Zentralstecker:

Graues Kabel gegen Motorgehäuse:     1Ω

Weißes Kabel gegen Motorgehäuse:    1Ω

Grünes Kabel gegen Motorgehäuse:     1kΩ

Blaues Kabel gegen Gelbes Kabel:          1Ω

Rotes Kabel gegen Motorgehäuse:        170Ω

Piaggio Zweitakt-Schaltgetriebemotoren für Ape 50 mit elektronischer Zündung (TL4T und neuer)

 

Die Zündsysteme der Ape 50 mit elektronischer Zündung sind weitgehend baugleich zu denen, der Vespa PK-Baureihe.

 

Die Messungen erfolgen an den Anschlussleitungen der CDI.

 

Rotes Kabel gegen grünes Kabel:            500Ω (Toleranzbereich +-20Ω)

Rotes Kabel gegen weißes Kabel:           110Ω (Toleranzbereich +-5Ω)

 

Sonntag, 23. November 2025

Stammtischtermine 2026

Dieses Jahr wird es nur noch einen Stammtisch geben, den in Regensburg am 07. Dezember. Damit geht das Jahr in dieser Hinsicht bald zu Ende und es ist Zeit, in die Zukunft zu schauen.

Darum habe ich gerade den Kalender auf den neuesten Stand gebracht, und die Termine für 2026 eingestellt. Es wird 2026 zwei Verschiebungen geben, weil sich der Stammtisch mit wichtigen Feiertagen beißt.

 Hier findet ihr die neuen Termine: https://rollerchaos.blogspot.com/p/zweitaktfreunde.html

 

Montag, 12. Mai 2025

Fahrzeugporträt: Yamaha Zest 50/80 und MBK Evolis

 

Ein guter Teil der Leserschaft wird sich vermutlich noch an die Mitte der 1990er-Jahre erinnern können. Damals, als der letzte große Rollerboom Einzug hielt und plötzlich eine schier unübersehbare Menge an teils skurril gestylten Stadtflitzern im Straßenbild erschien. Eine bunte Heerschar im poppigen Plastikgewand. Geräte wie der Aprilia SR50, der einen Hauch von MotoGP in die Rollerwelt brachte oder zu wilden Abenteuern bereite Yamaha BW’s und Piaggio TPH. Es sind solche Extremisten, die in Erinnerung bleiben und heute – genau wie damals – die große Mehrheit der Normalos, der ganz simplen Alltagsgefährten, überstrahlen.

Roller waren von Anfang an in erster Linie Nutzfahrzeuge. Robust, zuverlässig, praktisch und unauffällig. Kaum ein Roller der mittleren 90er Jahre vereint diese Tugenden so sehr in sich wie die Schwesterbaureihen Yamaha Zest und MBK Evolis. Roller, die heute im Straßenbild nahezu ausgestorben sind, waren vor gut drei Jahrzehnten jedoch weit verbreitet und beliebt. Einer von vielen Gründen, warum es sich lohnt, einen Blick auf diese Baureihen zu werfen.

 


Grundlegendes

Zur Markteinführung 1993 sollte die Baureihe YE50 / YE80 jene Lücke im Modellprogramm von Yamaha schließen, die nach Einstellung der CV-Baureihe geblieben war. Insbesondere sollte ein konkurrenzfähiges Modell angeboten werden, das auf Marktanteile der von Piaggio so erfolgreich lancierten Sfera zielte.

Insofern ist es kaum verwunderlich, dass der Zest vor allem als kompakter und zugleich komfortabler Stadtroller ausgelegt wurde. Bemerkenswert für einen Roller aus dem Programm eines japanischen Herstellers war zu jener Zeit auch, dass das Fahrzeug komplett in Europa entwickelt wurde. Anders als viele asiatische Roller seiner Zeit bietet der Zest darum auch für größere Menschen ausreichend Platz und kann problemlos im Zweipersonenbetrieb gefahren werden.

In der 50ccm-Version war der Zest eher spartanisch ausgestattet, das praktische Ablagefach in der Front sowie der Lenkerspoiler blieben der 80er-Variante vorbehalten. Beide Versionen verfügten jedoch stets über einen robusten Gepäckträger und ein großes Helmfach, das auch einen Integralhelm aufnehmen konnte. Zu jener Zeit noch keine Selbstverständlichkeit, waren zudem Ausstattungselemente wie Fernlicht, Getrenntschmierung und Zeituhr.

Technik

Angetrieben wird der Zest in allen Varianten von einem, bei Minarelli in Italien gefertigten, luftgekühlten Einzylinder-Zweitaktmotor mit Membransteuerung. Der Motor ist als kurze Treibsatzschwinge mit CVT-Getriebe ausgeführt und entspricht insofern dem Klassenstandard.

 

Zest 50 YE50

Zest 80 YE80

Hubraum

49ccm

79,2ccm

Leistung

2,9 kW bei 6.500upm

5,15 kW bei 7.500upm

Max. Drehmoment

4,3nm bei 6.500upm

6,7nm bei 7.000upm

 

Das Fahrwerk des Zest bietet simple, aber hochwertig verarbeitete Rollertechnik ihrer Zeit. Eine hydraulische Telegabel vorne und ein leicht trampeliges Monofederbein hinten lassen die Fuhre auf ihren Zehnzöllern fröhlich um Kurven schwingen und über Kopfsteinpflaster hoppeln. Dabei ist der Zest keinesfalls unbequem, sondern durchaus langstreckentauglich. Der Reiselust setzt allenfalls der kleine Tank etwas engere Grenzen.


 Die Bremsanlage der Baureihe bietet für die damalige Zeit sehr viel. Die Trommelbremse am Hinterrad ist völlig hinreichend und gut dosierbar. Vorne packt die Scheibenbremse kräftig zu und bringt den Roller immer sicher zum Stehen. Typisch für solch kleine Scheibenbremsen ist sie jedoch etwas holzig und erfordert hohe Handkräfte.

Alltagstauglichkeit

Alltagsnutzung ist das, wofür die Baureihe konstruiert wurde. Der Zest – und natürlich auch die Schwesterbaureihe Evolis – ist, im besten Sinne dieses Wortes, ein Nutzfahrzeug. Das Helmfach ist groß und gut nutzbar, sowohl für einen einzelnen Kopfschutz als auch für den Wocheneinkauf, sofern dieser nicht allzu wärmeempfindlich ist. Denn das tiefe Fach kommt dem Motor sehr nahe. Alternativ kann der Gepäckträger mit allerlei Dingen bepackt werden, meist dürfte hier aber ein Topcase seinen Platz finden. Gerade in den 90er-Jahren sah man aber auch viele Zest, die vor einen kleinen Anhänger gespannt wurden. Dem Großeinkauf oder dem Angelausflug steht dann nichts mehr im Wege.


 

Gegen Aufpreis (beim 50er, serienmäßig beim 80er) schluckt ein großes Ablagefach in der Frontverkleidung all jene Dinge, die man schnell zur Hand haben will. Für mehr Komfort sorgt die große Wetterscheibe aus dem Zubehör und für Sicherheit eine Ansperröse am Rahmen, für die das Werk seinerzeit sogar ein genau passendes Schloss anbot. Ein Seitenständer war beim Zest nie vorgesehen, ist aber auch nicht unbedingt nötig, denn der Roller springt leicht auf den Hauptständer und steht auf diesem sehr sicher.

Heute fällt auf, dass das Licht des großen, aber funzeligen Scheinwerfers nicht modernen Ansprüchen genügt. Auch wenn der Zest über Fernlicht verfügt, sind nächtliche Überlandfahrten kein Genuss. Dafür sind immerhin die Schalter gut bedienbar und von hoher Qualität, und die Tankuhr zeigt recht genau an, wie es um den Treibstoffvorrat bestellt ist.

Zest/Evolis heute

Nur wenige Roller der Baureihe haben überlebt, doch die, die es noch gibt, sind häufig noch immer im Alltagseinsatz. Robust und zuverlässig, auch nach drei Jahrzehnten auf der Straße, zeigen sie, wie hoch gut damals die Qualitätskontrolle im MBK-Werk war.

Einerseits ist das natürlich schön, denn es ist gut, wenn Fahrzeuge lange genutzt werden. Dennoch verstellt es etwas den Blick darauf, dass die Baureihe YE50/80 in all ihren Varianten ein spannendes historisches Fahrzeug ist. Ob als Zest oder Evolis, ob als brave Fuffi oder kräftiger 80er, sie sind mehr als ein altertümlicher „Opabeschleuniger“ von früher oder ein billiger Stadtknecht von heute. Sie sind eine der vielen Faceten der bunten Rollergeschichte und sie machen, wenn man sich auf sie einlässt, richtig viel Spaß.

 

Donnerstag, 6. Februar 2025

In den Tiefen der Zeit

 

Vor einigen Tagen habe ich ein Kind beim Spielen beobachtet. Ein Mädchen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt. Sie saß neben ihrer Mutter im Café und beschäftigte sich mit ein paar Plastik-Dinosauriern. Ein dunkelgrüner T-Rex und ein neonoranger Stegosaurier. Zwei Kreaturen, deren reale Inkarnationen vor uralter Zeit über diesen Planeten wanderten – und die höchstwahrscheinlich nicht dunkelgrün und garantiert nicht neonorange waren. Aber darum geht es nicht. Mir hat dieser kurze Anblick des spielenden Kindes nämlich einen Gedanken eingegeben, um den es hier gehen soll. Es geht um die sogenannte tiefe Zeit. Also Zeiträume, die für einen Menschen kaum verständlich und gar nicht zu überblicken sind.

Perspektive der Zeit

Das Universum in seiner Gesamtheit ist ungefähr 14 Milliarden Jahre alt, unser Sonnensystem kommt auf gerade mal etwa 4,5 Milliarden Jahre. Das alleine sind Zeiträume, die nicht zu fassen sind. Doch noch etwas ist bemerkenswert: Die realen Vorbilder der Spielzeugdinos sind, aus unserer Sicht, auch Wesen der tiefen Zeit. Stegosaurus stenops – das ist das Vieh mit den Dachziegeln auf dem Rücken und dem Morgenstern am Schwanzende – existierte vor etwa 150 Millionen Jahren. Tyrannosaurus rex  - der bekanntlich als gruseliges Monster in den Filmen des Herrn Spielberg zu Weltruhm kam - latschte vor knapp 70 Millionen Jahren über diesen Planeten. Er gehörte zu den glücklosen Kreaturen der Kreidezeit, jenem Erdzeitalter, das mit dem berühmten Meteoriteneinschlag, der die Dinosaurier ausrottete, endete. Eine simple Rechnung zeigt nun, dass zwischen Stegosaurier und T-Rex etwa 80 Millionen Jahre liegen. Das sind gewaltige 10 Millionen Jahre mehr als zwischen unsererZeit und jenem Unglückstag, an dem der Meteorit einschlug. Die Begegnung am Cafétisch ist also nicht nur in ihrer Farbwahl höchst unrealistisch.

Aber auch die 70 Millionen Jahre zwischen T-Rex und uns sind ja nun kein Pappenstiel. Sie sahen so gewaltige Veränderungen, dass wir den Planeten Erde von damals kaum wiedererkennen würden. Denn seien wir mal ehrlich: Vor dem Hintergrund dieser Zeitskalen ist die Menschheit eine einzige Krabbelgruppe.

Vor einigen Jahren grub man in Sambia ein uraltes, bearbeitetes Stück Holz aus. Reste einer nicht mehr genau zu erkennenden Struktur aus uralter Zeit. Grobe 500.000 Jahre war es, durch ungewöhnlich gute Bedingungen erhalten geblieben und damit der älteste Beleg für Holzbearbeitung, den wir bisher kennen. Eine halbe Million Jahre klingt nach den bisher aufgeführten Zeiträumen wie etwas, das gerade einmal vorgestern war. Doch auch hier sollte man sich nicht täuschen lassen. Wer auch immer damals die Hölzer bearbeitet hat, war kein Mensch wie Sie und ich. Es war jemand, der einer anderen, heute ausgestorbenen Menschenspezies angehörte. Homo sapiens, also uns, gibt es erst seit gut 300.000 Jahren. Da waren die Holzbrocken in Sambia schon gute 200.000 Jahre alt. Das ist sehr alt. Um Größenordnungen älter als all jene gewaltigen Kulturleistungen unserer eigenen Geschichte, die wir heute so gerne bestaunen. Vergessen Sie die Pyramiden, Jericho oder die Höhlenmalereien von Leang Karampuang in Indonesien. Letztere sind grob 50.000 Jahre alt, also quasi neu.

Grob kann man das Zeitalter des modernen Menschen, also jene letzten 300.000 Jahre, in zwei Abschnitte einteilen: In die prähistorische Zeit, aus der wir außer einiger Fundstücke nichts haben und in die geschichtliche Zeit, also die Zeitspanne, aus der wir Schriftzeugnisse besitzen. Diese ist im Vergleich erschreckend kurz.

In der chinesischen Provinz Henan wurden einige Schildkrötenpanzer gefunden, die etwa achteinhalb Jahrtausende alt sind und auf denen sich Markierungen befinden, die vielleicht Schriftzeichen sein könnten. Diese Jiahu-Schrift genannten Zeichen sind möglicherweise die ältesten schriftlichen Zeugnisse der Menschheit. Was sie bedeuten, weiß jedoch niemand mehr, vermutlich standen sie im Zusammenhang mit Kulthandlungen. Die ältesten für uns heute noch verständlichen Schriftdokumente stammen von den Sumerern und sind etwa fünftausend Jahre alt. Die meisten dieser Dokumente betreffen den Handel und die Verwaltung, doch sind uns von den Sumerern auch kulturelle Texte überliefert worden.

Das bekannteste Werk dieser frühen Zeit dürfte das Gilgamesch-Epos sein. Die Geschichte des Königs von Uruk, der sich auf die Suche nach dem Quell der Unsterblichkeit macht. Ein Stoff, der in seiner Botschaft bis heute fesselt. Nicht nur als Zeugnis einer für uns unvorstellbar weit zurückliegenden Epoche. So unvorstellbar weit die Zeit des unbekannten Verfassers dieses Epos zurückliegt, so unvorstellbar wäre es für diesen Menschen – über den wir absolut nichts wissen -, dass sein Werk noch immer in den Buchhandlungen dieser Welt und natürlich auch im Internet zu finden ist.

 

Die Zeit eilt

Lassen Sie uns noch einen Zeitsprung machen: aus der Zeit der Sumerer, einige Jahrtausende in die Zukunft. Vorbei an den Großreichen der Ägypter und Alexanders, an Aufstieg und Fall Roms, an den Zeitaltern der mittelamerikanischen Hochkulturen und dem Zeitalter der Entdecker und Kolonialherren. Hinein in eine Zeit, die uns deutlich vertrauter erscheint: in das frühe 20.-Jahrhundert.

Stellen Sie sich eine Straße in einer Großstadt vor. Irgendwo in Europa oder Nordamerika. Das Jahr ist 1922 und die „Goldenen Zwanziger“ sind voll im Gange. Sie stehen vor einem Kino und betrachten die große Leuchttafel über dem Eingang. Ein Name, der mit einer ziemlich großen Wahrscheinlichkeit dort steht, ist Charlie Chaplin. Der 1889 in London geborene Schauspieler, Regisseur und Filmproduzent war einer der ersten echten Weltstars im modernen Sinne. Er gehörte zu den prägendsten Figuren der frühen Filmindustrie, und sein Werk wirkt zweifellos bis heute nach. Gleichzeitig steht er aus heutiger Sicht aber auch für eine archaische Art des Films. Für den Spielfilm im klassischen Sinne, der noch sehr deutlich in der jahrhundertealten Tradition des Theaters steht. Der moderne, durch technische Effekte mitbestimmte Film, der nicht nur von schauspielerischer Leistung und kunstvoller Inszenierung lebt, sondern auch von den technischen Finessen der Spezialeffekte, die zur Hochzeit Chaplins noch im Entstehen begriffen waren. Darum ist es für viele erstaunlich, doch Chaplin, der dem klassischen Film in seiner Frühzeit entstammte und im Dezember 1977 verstarb, lang genug lebte, um den ersten der Star-Wars-Filme gesehen zu haben. Einen Film, der zu seiner Zeit bahnbrechend war und den Weg in eine neue Epoche der Filmkunst ebnete.

Wie kurz ist ein Menschenleben? Wie schnell verändert sich die Welt? Charlie Chaplin, der hier nochmal als Musterexemplar herhalten soll, wurde 88 Jahre alt. In dieser Zeit erlebte er zwei Weltkriege, den Untergang des britischen Weltreiches sowie den Aufstieg des Kommunismus in der Sowjetunion und China, um nur einige der weltverändernden Dinge zu nennen, die sich während seiner Lebenszeit abspielten. Die Welt, in der er verstarb, war eine völlig andere, als die, in die er hineingeboren wurde. Ein Schicksal, das keinesfalls einzigartig ist, sondern eher den Normalzustand des Menschseins darstellt. Er war einfach nur ein besonders berühmter Protagonist. Ob sein Ruhm jedoch Jahrtausende überdauern wird, so wie der des Königs Gilgamesch, das kann nur die Zeit zeigen.

 

Was hier präsentiert ist, sind Tatsachen, Fakten, die sich in jedem besseren Lexikon – im Internet sowieso – ohne große Mühen recherchieren lassen. Insofern sollte es also niemanden überraschen, dennoch lösen solche Dinge oft Staunen aus.

Vor dem Hintergrund all dieser Fakten können sich aber auch Fragen eröffnen: „Wohin geht es mit uns?“ „Was wird die Zukunft bringen?“ Es sind Fragen, die nicht beantwortbar sind. Denn so wenig wie sich ein Stegosaurier einen T-Rex hätte vorstellen können, oder die alten Sumerer eine Vorstellung von Kinospezialeffekten hatten, so wenig können wir uns eine ferne Zukunft vorstellen. Wir können spekulieren und unsere Fantasie einsetzen. Dabei kann es vorkommen, dass wir uns die Zukunft bauen, die wir uns wünschen.

Lassen Sie uns für einen Moment in die Filmwelt zurückkehren: in die späten 1960er-Jahre und in ein Filmstudio in Kalifornien. Eine Kollegin Chaplins spielt dort gerade eine der ikonischsten Rollen der Filmgeschichte. Der Name der Schauspielerin war Nichelle Nichols und die von ihr verkörperte Figur die der Nyota Uhura, Kommunikationsoffizier auf dem Raumschiff Enterprise. Damals, als ein solches Gerät noch reine Fantasie war, verwendete sie einen kleinen Kopfhörer, der an einem ihrer Ohren befestigt war. Ein kleines – zu jener Zeit aber rein fiktives – Wunder der Technik, über das sich noch die seltsamsten Aliens kontaktieren ließen. Dieses Gerät hat, wie viele andere fantastische Erfindungen in Science-Fiction-Filmen und Büchern, eine Entwicklung in der realen Welt inspiziert. Heute kann jeder Handybenutzer einen solchen Kopfhörer verwenden, Kaufhäuser, Elektroläden und sogar Tankstellen und Discounter bieten diese Dinger für ein paar Euro an. Ein kleines Stück Zukunft für wenig Geld. Die Software mancher moderner Handys ist auch schon in der Lage, Sprache simultan und voll automatisch zu übersetzen, falls man mit jemandem sprechen möchte, den man nicht versteht. Nur das Warpschiff um die Aliens zu besuchen, das fehlt uns noch.

 

Vermächtnis der Zeit

Wir können in die Vergangenheit zurückblicken, doch die Zeit kennt nur eine Richtung. Unerbittlich, gnadenlos und ohne jedes Zögern nach vorwärts in eine Zukunft, in die wir nicht sehen können. Welche unserer heutigen Fantasien werden einmal Realität werden? Wir wissen es nicht.

Der Blick zurück eröffnet aber auch eine Frage für die Zukunft. Was wird einmal bleiben? Was wird von uns noch übrig sein, welche Spuren hinterlassen wir in einer fernen Zukunft. Die Astronomie ist auch eine Wissenschaft der Zeitreise, denn der Blick in die Tiefen des Alls ist auch ein Blick in die Zeit. Denn das Licht, das heute die Instrumente dieser Wissenschaft erreicht, ist bisweilen uralt. Ein Bote aus der Zeit, als die ersten schwachen Lichtstrahlen der ersten Sterne einen finsteren jungen Kosmos erhellten. In mancher Hinsicht wissen wir darum mehr über die frühen Anfänge des Universums als über die, in Relation, noch junge Geschichte unseres eigenen Planeten. Die Fossilien von Dinosauriern und anderen – teils noch älteren – Kreaturen, von denen am Anfang die Rede war, stellen einen winzigen Ausschnitt aus dem großen Buch der Erdgeschichte dar. Wir wissen nicht viel über jene lang zurückliegende Epoche unserer Welt. Es bleibt viel Raum für Spekulationen.

Wäre es nicht möglich, dass sich aus einer Art Dinosaurier eine intelligente Spezies entwickelt hat? So wie wir von primitiven Säugetieren abstammen? Zeit genug wäre dafür gewesen. Zeit für den Aufstieg und Untergang einer mächtigen Zivilisation mit all ihren technologischen und kulturellen Errungenschaften. Was wäre nach all den Millionen von Jahren davon übrig? Ein paar Spuren in Sedimentschichten und Gesteinsablagerungen. Winzige Spuren und vielleicht, mit extrem viel Glück, ein Fossil, das noch auf seine Entdeckung harrt. Möglich wäre es, doch es gibt keinen Beweis dafür. Nichts deutet auf die Existenz intelligenter Reptilien hin und selbst wenn es diese Zivilisation gegeben hat, es ist durchaus denkbar, dass die Zeit alle Spuren davon vom Angesicht der Welt getilgt hat.

 

Dies sind Gedanken, die überdeutlich vor Augen führen können, wie winzig und zerbrechlich unsere Zivilisation eigentlich ist. Soviel wir uns auch auf sie einbilden mögen, letztlich sind wir nichts weiter als verschwindend winzige Bewohner eines winzigen Staubkornes, das durch eine völlig unbedeutende Ecke des Universums driftet. Was wird einst von uns bleiben? Was wird das unausweichliche Ende unserer Welt überdauern? Welche Spuren werden wir zurücklassen?

Wenn von heute auf morgen sämtliche Menschen auf der Welt verschwinden würden, was wäre dann übrig? Wir selbst würden in kürzester Zeit zerfallen, vielleicht würden ein paar Exemplare als Fossilien erhalten werden, doch dies würde kaum auf mehr hindeuten, als auf eine ausgestorbene Spezies von hoch entwickelten Primaten. Der Unterschied zwischen uns und einem Schimpansen ist aus biologischer Sicht minimal. Einige wenige unserer technologischen Errungenschaften, insbesondere Bauwerke, würden vielleicht einige Jahrtausende überdauern, bevor sie von der unerbittlichen Erosion zermalmt wurden. Etwa genauso lange würde es dauern, bis auch noch das letzte Stückchen Weltraumschrott aus dem Orbit gestürzt und in der Erdatmosphäre verglüht wäre.

Einige hunderttausend Jahre würden vergehen, bis die tödlichsten der menschlichen Errungenschaften vergangen sind. Haufen von hochradioaktivem Material, das langsam, Partikel für Partikel, zerfällt. Ein makabres Grablicht auf dem Epitaph der Menschheit.

In etwa fünf Milliarden Jahren wird die Sonne ihre letzten Wasserstoffatome fusionieren. Ein unaufhaltsamer Prozess, der Übergang zur Heliumfusion, wird dazu führen, dass sich der freundliche kleine Stern in ein Monster verwandelt. Ein gewaltiger roter Riese wird sich aufblähen und die beiden innersten Planeten verschlingen. Merkur und Venus werden im nuklearen Feuer brennen und zermalmt werden, als hätten sie nie existiert. Erde und Mars werden sich sehr ähnlich werden. Dem Stern nahe, glutheiße, völlig leblose Planeten. Die innersten Leibwächter einer sterbenden Gottheit.

Der rote Riese wird nur kurz leben. Nach nur etwa zwei bis drei Milliarden Jahren wird er seine äußerste Hülle abstoßen und zu einem winzigen, nachglühenden, kümmerlichen Rest werden. Ein weißer Zwerg, der keine Fusion mehr erhalten kann, sondern nur noch langsam verglimmt. Erde und Mars werden dann nicht mehr existieren. Der Druck des Sternentodes wird sie zerfetzen. Vielleicht überleben die äußeren Gasplaneten. Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Eisige Grabwächter, die langsam in der ewigen Finsternis versinken werden.

 

Mit ein wenig Glück wird es aber auch dann, in jener fernen Zukunft, noch Zeugen geben. Zwei winzige Inseln der Erinnerung, an die lange vergessenen Bewohner eines Sonnensystems, das dann nicht mehr existieren wird. An hoffnungsvolle Kinder des Universums, die zu den Sternen aufsahen und hofften, dass ihnen von dort freundliche Augen zuzwinkern würden.

Voyager 1 und Voyager 2, die Namen zweier Raumsonden, die in den 1970er Jahren gestartet wurden. Sonden, die etwa fünfzig Jahre lang Daten aus dem tiefen Weltall zur Erde zurücksandten und dann langsam ihre Funktion einstellten. Tote aber doch beredete Botschafter, auf dem Weg in die interstellare Leere. Doch das All kann auch gnädig sein, und wenn es das zu den beiden Reisenden ist, so werden sie bis in alle Ewigkeit durch die unendliche Finsternis fliegen. Vielleicht, nur ganz vielleicht, wird sie jemand finden. Irgendwann in einer sehr, sehr fernen Zukunft. Milliarden von Jahren von heute und unvorstellbar für uns und doch nur ein Wimpernschlag auf den Skalen der tiefen Zeit.

 

 

 

Quellen:

Hinweis: Die Zeitangaben in diesem Artikel sind stark gerundet und nicht absolut präzise.

https://dinodata.de/animals/dinosaurs/pages_s/stegosaurus.php

https://dinodata.de/animals/dinosaurs/pages_t/tyrannosaurus.php

https://www.spektrum.de/news/sambia-die-aelteste-holzstruktur-der-welt-ist-467-000-jahre-alt/2182800

https://humanorigins.si.edu/evidence/human-fossils/species/homo-sapiens

https://www.sci.news/archaeology/leang-karampuang-painting-13077.html

http://news.bbc.co.uk/2/hi/science/nature/2956925.stm

https://www.planet-wissen.de/natur/weltall/sonne/pwiewirddiesonneewigscheinen100.html

https://fis.uos.de/vivouos/display/wf1v4

https://www.fe-lexikon.info/lexikon/voyager

 

Urheberrecht:

Text: Markus Zinnecker, 2025