Sonntag, 14. Oktober 2018

Tour: Böhmen im Herbst

Gestern Morgen lud Marinanne ihren völlig zerstörten Kymco vor meiner Werkstatt aus dem Transporter und wir haben uns gemeinsam an die Reparatur gemacht. Eine vordergründig erfolgreiche Aktion, denn der Roller lief wieder und die Unfallschäden waren beseitigt. Aber war er wirklich wieder vollständig brauchbar? Nun gibt es bei einem Fahrzeug eigentlich nur eine Art diese Frage zu beantworten: man muss damit fahren.
Darum ging es heute Morgen mit zwei Rollern auf Tour. Marianne mit ihrem Kymco und ich habe, wohl da letzte Mal dieses Jahr, meinen Zip als Tourer eingesetzt.
Natürlich bietet auch Regensburg viel Sehenswertes und das Foto mit den beiden Rollern vor dem Dom musste natürlich sein. Viel interessanter sind jedoch die Straßen außerhalb der Stadt, hinauf in den Bayerischen Wald, den Marianne bisher noch nicht kannte.
Zu den schönsten Strecken für eine kleine Sonntagstour zählt meiner Meinung nach die Runde über Furth im Wald und Domazlice. Von Regensburg aus führt die Straße an Bernhardswald und Roding vorbei zunächst nach Cham und Furth. 
Immer parallel zu den modernen Schnellstraßen auf der alten, langsamen Rout bis an die Grenze zu Tschechien. Mitte Oktober noch zwischen grünen Wiesen und unter strahlend blauem Himmel dahinzurollern ist schon ein Genuss. Erst recht in dieser Gegend, die auf schon fast klischeehafte Art voll von malerischen Details ist.
Weniger malerisch, dafür aber sehr nahrhaft, war die Mittagsrast bei Babilon, kurz vor Domazlice.
Die kleine Stadt, die einst den deutschen Namen Taus trug, blickt auf eine nahezu tausendjährige Geschichte zurück. Der markante runde Turm der Kirche Maria Geburt überragt die schön restaurierte Altstadt, die wir für einen kurzen Stopp nutzen bevor es weiter geht. 
Über Chodov führt die Nebenstraße zum kleinen Grenzübergang bei Liskova quer durch eine traumhafte Herbstlandschaft.
Einige am Straßenrand aufgelesene Äpfel kamen noch als Wegzehrung und essbares Andenken mit, bevor es auf der wunderbar gewundenen Straße durch den Wald hinauf nach Vyhledy ging.
Am Straßenrand lädt das Monumentaldenkmal für den Schriftsteller und Naturfreund Jindrich Baar zum Verweilen und einem Fotostopp ein. Der kurze Fußweg zum Denkmal wird mit einem wunderschönen Weitblick über Westböhmen belohnt.
Gefühlt ist dies der eigentliche Endpunkt der Tour, denn ab jetzt geht es buchstäblich bergab.
Auf kleinen Nebenstrecken erreichen wir bald die Grenze und sind wieder in Deutschland. Über Waldmünchen und Cham geht es nach Falkenstein und durch das Otterbachtal an die Donau.
Regensburg ist nun auch bald erreicht und nach etwas über 200km schließt sich die Runde. Marianne verlädt ihren Roller wieder im Transporter und macht sich auf den Weg zurück nach Hessen. Damit endet ein schönes und durchaus erfolgreiches Wochenende und, zumindest gefühlt, auch die Tourensaison 2018.

die Route bei google-maps

Samstag, 13. Oktober 2018

Kymcoschrauben im Doppelpack

Es ist ja nun keine neue Erkentnis, dass die Geschichte dazu neigt sich zu wiederholen. Die alte Werkstatt hatte ich ja auch schon mit Schrauben an einem Fremdfahrzeug eingeweiht. Also warum in der Neuen nicht genauso anfangen? 
Ich hatte ja seinerzeit schon über die Bergungsaktion in den Niederlanden geschrieben, als wir Mariannes verunfallten Kymco abgeholt haben. Zur damaligen Zeit war es ihr ja nicht möglich gewesen, selbst zu fahren. Mitlerweile geht das glücklicherweise wieder und sie konnte darum den Havaristen in einen geliehenen Lieferwagen werfen und vorbei kommen. Da natürlich auch genug Ersatzteile dabei sein mussten, kam der Anhänger auch mit und es gab gleich eine ganze Lastzugladung Arbeit für mich.
Vom Gepäcksystem befreit sieht der kleine K12 garnicht mal so schlimm aus, allerdings ist der Lenker eben doch arg krumm. Die erste grobe Inspektion machte aber direkt Hoffnung, dass es den kleinen Koreaner weniger schwer erwischt hatte als befürchte.
Tatsächlich hatte der Lenker wohl die Hauptwucht des Unfalls abbekommen und war völlig verbogen.
Im direkten Vergleich des Altteils (oben) mit dem Ersatzteil ist deutlich zu sehen, dass das Unterteil des Lenkers völlig krumm war. Zudem standen beide Lenkstangen in ungesundem Winkel ab.

Grund dafür waren Risse im Metall des Lenkers. Das Trumm ist natürlich nurnoch Schrott, aber ein Ersatzteil war ja vorhanden.
Auf die Montage des "neuen" Lenkers folgte noch ein kleiner Bremsenservice. Frische Beläge und neue Bremsflüssigkeit verhalfen dem vorderen Stopper wieder zu alter Kraft. An der Hinterhand genügte derweil eine saubere Einstellung der Trommelbremse.
Als nächster Schritt der eigentliche Unfallinstandsetzung ging es dem schief abstehenden Verkleidungshalter an der Front ans Leder. Wir waren zunächst davon ausgegangen, dass das relativ dünne Blech des Halters verbogen sei, aber das war falsch.
Tatsächlich hatte es den, eigentlich recht massiven, Träger am Rahmen zur Seite weggedrückt. Die Hebelgesetze stellen bisweilen seltsame Dinge an.
Im gleichen Umfang sind sie aber auch nützlich um solche Dinge zu beheben. Eine solide Brechstange und etwas gutes altes Muskelschmalz sind bisweilen die besten Werkzeuge.
An der Rollerfront war damit alles wieder im Lot und sogar die alte Verkleidung konnte mit etwas Trickserei wieder angebaut werden.
Heckpanzer und Mittelsektion hingen jedoch noch etwas unmotiviert am Roller und kamen darum zunächst komplett runter. Die Unterbodenwanne und das Trittbrett hatten beim Transport aus Holland Schaden genommen und wurden durch bessere Gebrauchtteile ersetzt. Dem Heckpanzer verhalten ein Stück Kennzeichenblech und einige Nieten wieder zu Stabilität.
Zugegeben, schön ist anders, aber das Teil verschwindet später unter dem Gepäcksystem. Wichtig ist nur, dass die Seitenteile stabil am Roller hängen und nicht flattern.
Die eigentliche Unfallinstandsetzung war damit abgeschlossen. Weiter ging es mit einer dringend nötigen Überholung des Antriebsstrangs. Eine neue Kupplung mit guter gebrauchter Glocke und ein besserer Wandler aus Marinannes Fundus zogen in den Roller ein. 
Zwischenzeitlich wurde es etwas neblig, denn die Anfertigung eines neuen Hauptständeranschlags aus einem alten Reifen stand an. Alles in allem war aber nur noch Kleinkram zu erledigen und einige Zeit später war der Roller bereit für die erste Probefahrt seit dem Crash in Roosteren.
Was soll ich sagen? Bei strahlendem Herbstwetter glänzte der kleine Asiate mit dem bunten Laub um die Wette und schien sich zu freuen auf der Straße zurück zu sein. Vor allem brachte die Probefahrt auch Gewissheit, dass Rahmen und Gabel den Kampf mit einem niederländischen Bordstein überlebt hatten. Aber das bedeutete natürlich noch lange nicht, dass ich Feierabend machen durfte.
Denn Marianne hatte ja noch einen K12 im Gepäck. Ein grundsätzlich fahrbereites Exemplar, das jedoch an zwei Problemen krankte: Einem ausgebrochenen Auspuffstehbolzen und einem undichten Öltank. Also nochmal Demontage und Reparatur.
Das Auspuffproblem ließ sich, nach einigem Ärger mit völlig unbrauchbaren Reproersatzteilen, relativ einfach lösen. Den Öltank wollten wir eigentlich austauschen, dann zeigte sich jedoch, dass auch die Ölpumpe selbst undicht war. Zeit für eine Speedguru-Lösung, also raus damit.
Mit gekappter Königswelle kam die Pumpe als Blindstopfen wieder in den Roller zurück, der Öltankt flog in den Müll und die Schutzschaltung für den Ölstandsgeber wurde in bewährter Art ausgetrickst.
Damit war der Tag dann aber auch endgültig gelaufen, knapp 10 Stunden Kymcoschrauben ist dann doch ein gutes Pensum. 
Ganz ehrlich? So arg gestellt ist das letzte Bild nicht ;)

Freitag, 12. Oktober 2018

Fahrzeugportrait: Piaggio Sfera RST (1995 bis 1997)

Mit der Baureihe NSL, genannt Sfera (ital. für Kugel oder Ball), begann im Jahre 1990 bei Piaggio die Roller-Neuzeit. Die erste nach modernen Gesichtspunkten konstruierte Generation von Automatikroller mit Kunststoffkarosserie war ein sofortiger Erfolg. Bis heute sind die rundlichen und robusten Roller Teil des Straßenbildes.
Sfera 50 der ersten Generation, Baureihe NSL
Doch auch ein Superstar altert und zur Mitte der 90er waren der Sfera ihre konstruktiven Wurzeln in den 80er Jahren deutlich anzusehen. Trommelbremsen an beiden Rädern und das ungeachtet des Namens doch eher kantige Design waren nicht mehr zeitgemäß. Es war Zeit für ein Facelift. Die 1995 eingeführte Baureihe RST (für ReSTyling) stellte eine eher sanfte Überarbeitung des Erfolgsmodells dar. Unter dem neuen, rundlicheren Kleid steckte eine nur sanft überarbeitete Technik. Der Roller war jedoch deutlich dem Zeitgeschmack angepasst und modernisiert worden.

Fahrwerkstechnisch blieb es beim bewährten Vollschwingenfahrwerk, jetzt jedoch mit einer hydraulischen Scheibenbremse vorne. Zudem wurde die überkommene 80ccm-Version durch einen modernen 125ccm Viertakter ersetzt.
Damals wie heute geteilt sind die Meinungen über das veränderte, mehrteilige Cockpit der Sfera RST. Die Zeituhr entfiel zugunsten eines Piaggio-Schriftzugs unter Plexiglas, dafür war der Tacho jetzt besser ablesbar. Die gewölbte Abdeckscheibe nimmt die Form der Lenkerverkleidung auf, neigt jedoch zu Spiegelungen. Die Schalter sind jedoch mit Handschuhen deutlich einfacher bedienbar als die der Urversion.
 
Motor und Antrieb
In der Sfera RST waren in Deutschland zwei Motorversionen lieferbar. Ein 50ccm Zweitakter und ein 125er Viertakter. Beide Motoren sind für ihre Klassen kraftvolle und robuste Vertreter, auch wenn der 125er das Leistungslimit der Klasse nicht ausnutzt.. Angetrieben werden die Roller grundsätzlich über ein stufenloses Automatikgetriebe üblicher Bauart. 
technische Daten Sfera 50 RST
Motortyp: Einzylinder Zweiaktmotor, luftgekühlt
Hubraum: 49ccm
Leistung: 3,8PS
Höchstgeschwindigkeit: 50km/h (entsprechend den gesetzlichen Vorgaben)
Einlassteuerung: Membran
Vergaser: je nach Baujahr Weber oder Dellorto mit 12mm Durchlass

technische Daten Sfera 125Motortyp: Einzylinder Viertaktmotor, luftgekühlt
Hubraum: 124ccm
Leistung: 12,2PS
Höchstgeschwindigkeit: 90km/h
Ventilsteuerung: OHC mit Steuerkette
Vergaser: Mikuni BS24
 
Fahrwerk und Bremsen
Wie schon die Modelle der Baureihe NSL besteht das Fahrwerk der Sfera RST aus einem klassischen Stahlrohrrahmen mit Vollschwingenfahrwerk. Das Vorderrad wird an einer Kurzschwinge geführt, was dem Fahrkomfort zugute kommt. Die etwas breiteren Reifen gegenüber dem Vorgängermodell verbessern zudem den Geradeauslauf des Rollers. Die Sfera RST beider Hubraumklassen rollt vorne auf 100/90-10 und hinten auf 100/80-10. Wobei manche Modelle für das Hinterrad einen 110/80-10 als Alternative eingetragen haben. 
Fahrwerksseitig der größte Fortschritt gegenüber dem Urmodell ist die vordere Scheibenbremse. Diese ist deutlich besser dosierbar und wesentlich wirksamer als die Trommelbremse des Urmodells. 

die Sfera RST im Alltag und heutige Bedeutung

Bei Faceliftmodellen wird oft der Nutzwert für ein optimiertes Styling geopfert. Dieser Fehler unterlief Piaggio bei der Sfera RST glücklicherweise nicht. Das überarbeitete Modell behielt alle Tugenden des Urmodells, so war der große Gepäckträger immer noch serienmäßig an Bord und das kleine, aber nützliche Handschuhfach blieb ebenfalls erhalten. Wie schon beim Urmodell wird der Handschuhfachdeckel über das Zündschloss entriegelt. Das Helmfach blieb unverändert tief und gut nutzbar, ebenso die gut zugängliche Batterie im Rahmenheck. Darum war und ist die Sfera RST bis heute eine gute Wahl als Alltags- und Nutzroller.

Aufgrund der kurzen Bauzeit von nur zwei Jahren blieben die Stückzahlen der Sfera RST deutlich geringer als die der Vorgängerversion. Gerade die 50ccm-Version ist heute relativ selten geworden, NSL-Modelle sind häufiger zu sehen. 125er sind gefühlt in der Mehrzahl und sicher die interessanteste Version der Sfera. Als 125er ist sie ein heute noch zeitgemäßer Stadtroller mit ausreichend Leistung für kurze Autobahnetappen. Etwas das der alten 80ccm-NSL deutlich schwerer fällt. Gepflegte 50er erzielen, genau wie bei der Vorgängergeneration, hohe Preise sind sind in der kleine aber sehr aktiven Fanszene gesucht.