Samstag, 15. Januar 2022

Der Träumer von Paris

 

Es war furchtbar. Der letzte Streit mit seinen Eltern hatte Étienne schwer belastet. Die Folge davon war eine schlaflose Nacht, die er nicht zu Hause verbracht hatte. Das kleine Haus in der Mitte des Dorfs erschien ihm grauenhaft eng. Sein Vater hatte gebrüllt wie ein Irrer und die Mutter war nur dagesessen und hatte den Kopf geschüttelt. Sie verstanden einfach nicht, dass er unbedingt Schmied werden wollte. Nicht Bauer, wie sein Vater und dessen Vater und der Vater des Vaters und so weiter. Wie es schon immer gewesen war, seit Anbeginn aller Zeiten.

In aller Früh, noch vor Sonnenaufgang, schlich er sich zurück in sein Elternhaus. Raffte die nötigsten seiner Sachen zusammen und wickelte sie in ein Tuch, dass er sich über die Schulter warf. Dann verließ er das Haus zum letzten Mal in seinem Leben. Es war noch niemand wach, als er das Dorf verließ, ein letztes Mal zurückblickte und dann beschloss, seine Schuhe auszuziehen und wegzuwerfen. Er wollte kein Krümelchen Erde von diesem Ort mitnehmen, denn hier verstand ihn niemand und er war mit diesem Ort fertig. Nur der alte Knecht des Großbauern beobachtete die Szene, später ging er hin, hob die Schuhe auf und brauchte sie zu Étienne Mutter. Die verstand schweigend, dass sie ihren Sohn verloren hatte und ging weinend ins Haus.

Étienne wanderte da schon guten Mutes durch die Lande. Er wusste, dass er unterwegs immer genug Arbeit finden würde, die Bauern brauchten immer Hilfe. So würde er es schaffen und sein Traumziel erreichen. Paris, die Stadt, in der alles möglich war. Dort würde er so leben können, wie er es sich wünschte.

 

Zumindest der erste Teil des Plans funktionierte und so erreichte der junge Mann gut einen Monat später Paris. Doch die Großstadt war schon damals kein einfacher Ort für einen jungen Menschen, der ohne jede Unterstützung seinen Weg finden musste. Eine Lehrstelle als Schmied war hier nicht zu bekommen, denn einen mittellosen Unbekannten wollte niemand einstellen. Doch Arbeitskräfte in anderen Bereichen waren knapp und so fand sich doch noch eine Stelle. Als Hilfsarbeiter in einer Werkstatt die Emaille verarbeitete. Ein Notbehelf, der sich als unglaublicher Glücksgriff entpuppen sollte.

Weißes Emaille war damals knapp und schwer zu bekommen, für viele Produkte aber sehr gefragt. Étienne befasste sich darum mit dem Problem, wie man mittels Bleioxid reinweißes Emaille herstellen konnte. Er erfand innerhalb kürzester Zeit ein völlig neues Verfahren, für das er bald sogar ein Patent erhielt. Außerdem verschaffte ihm die Arbeit in der Emaillewarenfabrik die Bekanntschaft des damals sehr bekannten Goldschmiedes Charles Christofle. Dieser stellte ihn als Techniker ein und ermöglichte ihm die Arbeit an neuartigen Verfahren zur elektrolytischen Versilberung und Verkupferung von Schmuckgegenständen.

Étienne Interesse an Technik wurde in der Goldschmiede in besonderem Maße gefördert und weiter geweckt. In seiner Freizeit arbeitete er darum an immer weiteren Erfindungen. Elektrische Signale für die Eisenbahn, eine mechanische Teigknetmaschine und Geräte zur Erfassung von Wasserdurchlauf in Leitungen gehörten zu den Erfindungen, für die er Patente erhielt. Patente, die das Interesse der Industrie weckten und dem vor wenigen Jahren als mittellosem Landstreicher in die Stadt gekommenen Mann einen bescheidenen, aber deutlich sichtbaren Wohlstand verschafften.

Eines Tages besuchte Étienne an einem ruhigen Tag das Museum der Ingenieurschule von Paris. Dort wurden – und werden bis heute - bedeutende französische Erfindungen der Vergangenheit ausgestellt. Darunter befindet sich auch der Dampfwagen von Nicholas Cugnot von 1769, der als erste sich selbst antreibende Maschine der Geschichte gilt. Étienne war fasziniert und begann davon zu träumen, das Konzept des damals gescheiterten Versuchs zu einem brauchbaren Fahrzeug zu entwickeln. Ihm war klar geworden, dass sich eine Dampfmaschine für den Antrieb eines Fahrzeugs nur sehr bedingt eignete. Bei der Eisenbahn funktionierte es gut einfach weil das Gewicht und die Größe einer Lokomotive nur von untergeordneter Bedeutung waren. Ganz im Gegenteil, eine schwere Lokomotive war sogar besser, weil sie größere Zugleistung erbringen konnte. Aber auf Straßen musste ein Fahrzeug möglichst leicht sein, um gut zu funktionieren. Doch wie sollte er das bewerkstelligen?

Eine Vielzahl von Versuchen folgte der Idee. Das gerade erworbene Vermögen wäre dabei fast aufgebraucht worden. Doch im Jahr 1858 gelang es endlich einen funktionierenden Motor zu bauen. Noch war dieser zu groß, um in ein Fahrzeug eingebaut zu werden, aber er war auch deutlich kleiner und leichter als eine Dampfmaschine von vergleichbarer Leistung. Nicht mehr Dampfdruck wirkte auf den Kolben, sondern der Druck einer kleinen Explosion. Gas wurde in die Brennkammer geleitet, entzündet und durch die dabei entstehende Druckwelle der Kolben bewegt. Das Prinzip der inneren Verbrennung, das bald die Welt erobern sollte.

Doch einem ruhelosen Geist wie dem Étiennes genügt ein solcher Teilerfolg natürlich nicht. Nachdem Patente auf den neuen Motor ihm ein sicheres Einkommen garantierten, begann er wieder mit der Arbeit. Das Ergebnis war eine kleinere und leichtere Version des Motors sowie ein Verfahren, mit dem durch Elektrolyse Wasserstoffgas aus Wasser gewonnen werden konnte. Das komplette System war somit unabhängig von einer stationären Gasleitung und konnte in ein Fahrzeug eingebaut werden. Im Sommer 1860 unternahm Étienne die erste Probefahrt mit einem kruden, einer dreirädrigen Kutsche nachempfundenen Gerät, das er Hippomobile getauft hatte. Was er und seine Zeitgenossen, die ihn damals für einen gefährlichen Irren hielten, nicht ahnen konnte, war, dass andere Ingenieure von seiner Arbeit hörten und davon fasziniert waren. Einige Jahre später sollten sie in seine Fußstapfen treten und eine der größten technologischen Revolutionen der Menschheitsgeschichte auslösen.

Als Étienne Lenoir am 4. August 1900 im französischen Städtchen Saint-Maur-des-Fossés verstarb, da hatte die Automobilisierung der Welt schon Fahrt aufgenommen. Wir stehen heute wieder an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Wie wird man sich wohl in Zukunft an die Lenoirs unserer Tage erinnern?

 

Jean-Joseph Étienne Lenoir wurde am 12. Januar 1822 im belgischen Mussy-la-Ville als drittes von acht Kindern geboren. Schon als Kind galt er als schwieriger, aber neugieriger und hoch intelligenter Junge. Mit 16 verließ er seine Heimat und wanderte nach Paris, wo er auf Umwegen zu einem der bedeutendsten Erfinder des mittleren 19.- Jahrhunderts wurde. Das Hippomobile von 1860 inspirierte auch Carl Benz, Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach sowie viele andere Autopioniere zu ihren Arbeiten.

 

Dienstag, 28. Dezember 2021

Dolce Vita im Getränkemarkt


 Die Leser dieses Blogs (und natürlich auch die Zuschauer meiner Youtube-Videos) wissen, dass ich mich vor allem für ausgefallene Fahrzeuge begeistern kann. Insofern passt auch die Ape 50 gut ins Bild meiner Sammlung.

So eine Ape ist im Kern eine Vespa mit drei Rädern und der Andeutung einer Lastwagenkarosserie. Das passt auch, denn Vespa heißt Wespe und Ape Biene, die fleißigere Verwandtschaft eben. Ein Konstrukt, das im tiefsten und besten Sinne so italienisch ist wie leidenschaftliche Streitgespräche über Fußball und Spaghetti Bolognese. Darüber hinaus ist das Ding ungemein praktisch, denn es kann mit minimalem Aufwand haarsträubende Lasten bewegen.

Zu den Lasten, die ich dem kleinen Blechinsekt bisweilen aufbürde, gehören Getränkekisten. Denn zum einen gibt es Mengenrabatt im Getränkemarkt, wenn man mehr nimmt und zum anderen kaufe ich auch immer gleich für ein paar ältere Herrschaften aus der Nachbarschaft ein. Letztens brachte der monatliche trasporto di bevande eine nette kleine Begegnung.

 

Ich war gerade dabei, die etwas üppiger ausgefallene Beute auf der Ladefläche der Ape zu verzurren, als mich ein Kind ansprach. Genauer ein Mädchen von etwa 10 Jahren, das zu jenen Kindern gehört, die dank eines zuckersüßen Bilderbuchgesichts und eines engelsgleichen Augenaufschlags auch mit einem dreifachen Axtmord ungestraft davonkommen würden. „Du, trinkst du das alles selber?“ Frage mich die Kleine und zeigte staunend auf den stattlichen Kistenstapel unter dem sich die Ladefläche der Ape leicht ächzend zur Seite neigte. „Zum Teil schon.“ War meine einigermaßen wahrheitsgemäße Antwort. Daraufhin nickte die Kleine versonnen und sagte: „Ja, weil du so viel säufst, kannst du dir kein gescheites Auto leisten.“

Das war der Moment, in dem ihre Mutter mit puterrotem Kopf und einem spitzen Aufschrei hinter dem Familienkombi hervorsprang und ihre Tochter schützend an sich presste. Ihr Gesichtsausdruck und die mir gegenüber gestammelte Entschuldigung ließ vermuten, dass sie davon ausging, nun selbst Opfer des bereits erwähnten mehrfachen Axtmordes zu werden. Das ich stattdessen anfing zu lachen – und das in einer Weise, die nicht unmittelbar an Jason Voorhees oder Jack the Ripper erinnerte, – schien sie sichtlich zu beruhigen.

Was folgte, war ein nettes Gespräch über die Schwierigkeiten, die mit der schrankenlosen Offenheit verbunden sein kann, die aus kindlicher Neugier und Schlussfolgerungsgabe erwachsen kann. Sicher gibt es auch genug Zeitgenossen, die sich über diese Sache fürchterlich aufgeregt hätten. Aber wieso eigentlich?

 

Eigentlich ist die Schlussfolgerung des Mädchens ja logisch. Ein zehnjähriges Kind ist sicher problemlos in der Lage mitzubekommen, das Getränke nicht ganz billig sind. Auch vom Multiplikator sollte in der Schule schon einmal die Rede gewesen sein. Für mehr Getränke muss man mehr Geld rausrücken. Geld, das dann fehlt, wenn man sich kraftfahrtechnisch verbessern will. Was man von Zehnjährigen nicht erwarten kann, ist das Wissen um den Marktwert exotischer Gerätschaften. So ist meine Ape rein monetär vermutlich mehr wert als der etwas angegraute Toyota-Kombi der Mutter, einfach weil es sehr viele Liebhaber und Sammler für obskure italienische Primitivmobile, die vom Hauch des Dolce Vita umweht werden, gibt. Solche, die für japanische Vernunftfahrzeuge mit dem Nimbus granitener Zuverlässigkeit und dem Charme eines Lateinpaukers kurz vor der Pensionierung schwärmen, sind hingegen eher rar.

 

Nüchtern betrachtet wurde das Mädchen einfach Opfer dessen, was man in der Wissenschaft eine unvollständige Datenlage nennt. Man kann sich in seinen Schlussfolgerungen eben nur auf das beziehen, was bekannt ist. Wenn Neues bekannt wird, dann ändern sich eben auch die daraus gezogenen Schlussfolgerungen.

Leider verstehen das viele Menschen nicht und in der Folge entstehen viele Missverständnisse. Gerade in der heutigen Zeit, in der so viel über Fakten und angebliche Alternativen zu ihnen diskutiert wird, wäre es doch schön, wenn sich die kleine Parkplatzbegegnung auch ins Große skalieren würde.

Übrigens sind mir das Mädchen und seine Mutter neulich noch mal begegnet. Wieder auf dem Parkplatz vor dem Getränkemarkt, aber diesmal haben wir uns nur zugewunken. Auch irgendwie schön.

Samstag, 18. Dezember 2021

wofür Schafe gut sind

 Die Schafe auf der Weide, gleich neben der alten Landstraße, sind erstaunlich ruhig. Das Geräusch der Ape scheint sie nicht zu stören. Als ich anhalten und langsam aussteige, weichen sie einige Schritte zurück, bleiben dann aber stehen. Einige kommen sogar wieder auf mich zu, näher an den Elektrozaun, der ihre Weide umgrenzt.


 Ich bleibe einige Minuten ruhig stehen. Einfach so, um mir die Schafe anzusehen, die ruhig auf der Weide stehen und grasen. Es gibt sicher viele Menschen die das nicht verstehen werden, aber ich finde solche Momente beruhigen. In diesen Minuten ist leicht zu verstehen, woher die Legende vom Schäfchenzählen als Einschlafhilfe stammt, denn die Tiere strahlen eine tiefe Gelassenheit aus.


 Auf der anderen Seite der Weide befindet sich ein Feldweg. Von dort ist irgendwann wieder ein mechanisches Geräusch zu hören. Anders als das meiner Ape, dumpfer, rauer, aber auch leiser. Es ist der Dieselmotor eines japanischen Geländewagens, das Fahrzeug des Schäfers. Die Tiere scheinen es zu erkennen, denn sie nähern sich der Stelle, an der der Mann im grünen Lodenmantel über den Zaun steigt. In seiner Hand ist ein Eimer mit Futter, das er in eine am Boden stehende Wanne schüttet. Einige besonders hungrige Schafe haben ihre Köpfe schon vorher in den Eimer gesteckt.


 Für einen Moment treffen sich unsere Blicke, der des Schäfers und meiner. Er lächelt und nickt mir zu, scheinbar hat er am frühen Morgen genauso gute Laune wie ich. Es scheint, als seien Schafe weniger zum Einschlafen gut als für einen guten Start in den Tag.