Montag, 14. Januar 2019

Fahrzeugportrait: Peugeot SV / Hercules SR

Das französische Fahrzeughersteller gerne eigene Wege gehen ist nichts Neues. Peugeot nimmt zudem noch die Sonderstellung ein, das älteste Unternehmen überhaupt zu sein, das sich mit dem Bau von Kraftfahrzeugen befasst. Dieses weit zurückreichende Erbe verschaffte der Marke mit dem Löwen wohl auch das nötige Selbstbewusstsein, einen in vielen Punkten innovativen und ungewöhnlichen Roller auf den Markt zu bringen. Den SV nämlich, um den es hier gehen soll.

SV50 Trommelbremsmodell mit Vollschwinge

Grundsätzliches
Der SV ist auf den ersten Blick ein konventioneller Roller der frühen 90er Jahre. Sein Styling ist konservativ und ähnelt noch stark dem, in seinen Grundzügen mit dem Honda Lead verwandten, SC der 80er Jahre. Tatsächlich stellt der SV eine Weiterentwicklung dieses Fahrzeugs dar.
Der SV wurde über die lange Bauzeit hinweg in zahlreichen Varianten und Ausstattungslinien angeboten. Es gab drei Hubraumvarianten mit 50, 80 und 125ccm. 

Die 50- und 80ccm Varianten wurden vom grundsätzlich gleichen Motor angetrieben und unterscheiden sich technisch nur durch den Hubraum, sowie die für die Hubraumerweiterung notwendigen Anpassungen. Bei diesem Motor handelt es sich um den klassischen Peugeot-Zweitaktmotor mit kurzer Schwinge und stehendem Zylinder. Der 125er-Motor ist in seiner Konstruktionsstruktur den kleinen Motoren sehr ähnlich, jedoch eine eigenständige Entwicklung. In diesem Portrait soll es aber grundsätzlich um die kleinen Modelle mit 50- und 80 Kubik gehen.

In allen Ausführungen ist der SV als tourentauglicher, ausgesprochen komfortabler Kleinroller ausgelegt. Er kombiniert Eigenschaften klassischer Stadtroller mit denen von Tourern. So verbindet er kompakte Abmessungen und kleine 10"-Räder mit einer breiten Sitzbank und einem großen Tank. Eine Kombination, die es sonst nur bei wenigen Fahrzeugen gibt.

Varianten
In Deutschland wurde das Fahrzeug als Peugeot SV, teils mit dem Namenszusatz Geo und Junior, vertrieben. Zudem kam er als Hercules SR mit dem Namenszusatz Samba auf den Markt. Die Hercules-Modelle unterscheiden sich nur durch andere Lackfarben und Dekoraufkleber von den Peugeot-Modellen.
Sowohl  als Peugeot als auch als Hercules diente er der Firma Wulfhorst in Gütersloh als Basis für den Dreiradumbau R7

Motor und Antrieb
Der luftgekühlte Motor mit stehendem Zylinder mobilisiert, laut Betriebserlaubnis 3kW bei 6.500upm (SV50). Es ist jedoch bekannt, dass die Serienstreuung der Motoren immer nach oben und nur sehr selten nach unten tendierte. Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 50km/h erreicht der SV50 mit spielerischer Leichtigkeit. Die Tachoanzeige gaukelt dann zwar fast 65km/h vor, jedoch wird der Roller von der Drosselung verlässlich eingefangen.
Je nach Variante waren die Motoren mit Vergasern von Keihin oder Gurtner bestückt. Die Gurtnervergaser nerven häufig mit schlechter Einstellbarkeit und, als Folge dessen, erhöhtem Treibstoffverbrauch. Zudem neigen die Flansche der Gurtnervergaser zum reißen. Umrüstungen auf Keihinvergaser (Type PB80 mit 70er Hauptdüse) werden daher in der Szene durchaus goutiert.


Angetrieben wird der SV von einem klassenüblichen, stufenlosen Automatikgetriebe. Die Abstimmung des Systems ist ab Werk sehr gut gelungen, was bei einem Roller dieser Zeit nicht selbstverständlich ist. Hier ist interessant, dass Peugeot in einigen Baujahren einen gezielt zu kurz gewählten Antriebsriemen als Teil der Drosselung benutzt hat.

Fahrwerk und Bremsen
Fahrwerksseitig teilt sich die SV-Welt in zwei Gruppen. Zum einen gibt es die vollwertig ausgestatteten Modelle mit Vollschwingenfahrwerk. Bei diesen ist das Vorderrad an einer zweiarmigen Kurzschwinge geführt, eine bei Rollern seltene, aufwändige Konstruktion.
Dem gegenüber stehen die einfacher ausgestatteten Modelle (SV Junior) mit konventioneller Telegabel. Vom Fahrkomfort her sind die Vollschwingenmodelle in der Rollerwelt fast unerreicht, Fahrzeuge mit konventioneller Gabel fallen hier deutlich ab. In der Gesamtsumme sind diese Exemplare auch deutlich seltener als die Vollschwingenmodelle, für Sammler sind sie daher unter Umständen die interessantere Wahl.

SV50 Junior Telegabel-Modell
 Beide Versionen gab es sowohl mit Scheibenbremse als auch mit Trommelbremse am Vorderrad. Hinten wird stets mit einer simplen, klassenüblichen Trommel verzögert. In allen Ausführungen ist der SV ein gutmütiges, jederzeit berechenbares und sicher zu fahrendes Fahrzeug. Die Bremsen sind dem komfortablen Charakter entsprechend wenig giftig. Es ist sehr schwer eines der Räder gefährlich zu überbremsen, ein Umstand der unsicheren und ungeübten Fahrern entgegen kommt und Vertrauen erzeugt.



Fahrverhalten
Der SV zählt zu jenen Rollern, die ihren Fahrer zu einem angemessenen Fahrstil erziehen. Er ist vor allem ein gemütlicher Cruiser, liebt Langstrecken und entspanntes flanieren.  Dennoch ist das gute Fahrwerk auch für eine sportliche Gangart zu gebrauchen, wenn es auch einen engagierten Fahrer braucht um das theoretische Potential der Maschine voll zu nutzen.
Trotz der niedrigen Bauweise bietet der SV sehr viel Schräglagenfreiheit und das gute Fahrwerk sorgt, sofern hochwertige Reifen aufgezogen sind, für guten Grip in allen Lagen. Somit kann der SV durchaus auch sportlichen Naturen gerecht werden, wirklich gerecht wird ihm eine derartige Gangart aber nicht.


der SV im Alltagsgebrauch

Die schwülstige, aus heutiger Sicht übertrieben barocke Verkleidung hat einen unabweisbaren Vorteil: Sie bietet exzellenten Wetterschutz. Ist der Roller zudem mit einer Windschutzscheibe ausgestattet, bleibt der Fahrer auch bei leichtem Regen weitgehend trocken. Die serienmäßigen Windabweiser für die Hände sind bei Stürzen zwar sehr gefährdet, aber gerade Winterfahrer wollen nicht darauf verzichten. Ab Werk hatte der SV stets einen kleinen, aber sehr solide Gepäckträger. Dieser eignet sich gut zur Montage eines Topcase.

Unter der Sitzbank tut sich ein wahrer Schlund auf. Da der Tank unter dem Trittbrett ist, bleibt viel Platz für ein großes, breites und tiefes Helmfach. Es schluckt spielend das Gepäck für einen kurzen Wochenendtripp. Der nötige Kleinkram verschwindet im (abschließbaren) Handschuhfach. Die tiefe Bauweise des Helmfachs hat jedoch den Nachteil, dass dessen Boden dem Auspuffkrümmer sehr nahe kommt. Gerade auf längeren Strecken kann es daher sehr warm im Staufach werden, kein guter Platz für Schokolade.

Ein Nachteil des tief platzierten Tanks ist das der Tankstutzen sehr niedrig liegt. Zum Tanken muss eine kleine Klappe im Fußraum geöffnet werden. Die voluminöse Heckverkleidung muss für die meisten Wartungsarbeiten demontiert werden. Sie ist mit diverse Verschraubungen aus mehreren Teilen zusammengesetzt, ihre Demontage erfordert Übung und Zeit, ist dieses Hindernis überwunden, gibt sich die Technik des SV50 simpel und unkapriziös. Die Wartungskosten bleiben daher angenehm niedrig. Ersatzteile sind auch viele Jahre nach Produktionseinstellung noch problemlos erhältlich.

Nachteilig im täglichen Gebrauch, vor allem für kleinere Personen, ist der kurze und ungünstig angebrachte Hauptständer. Den Roller aufbocken ist schwierig und sitzt er erst einmal auf seiner Stütze, braucht es ebenso Überredungskunst um ihn wieder herunter zu bekommen. Glücklicherweise war die Montage eines Seitenständers stets vorgesehen und sehr viele SV wurden direkt ab Werk mit diesem nützlichen Utensil geordert. 

der SV heute
Aus heutiger Sicht ist der SV wohl vor allem ein kurios-liebenswerter Youngtimer an der Schwelle zum Klassiker. Ein optisch und technisch aus der Zeit gefallenes Fahrzeug, das sich eines festen Freundeskreis erfreut. Er kann aber auch in seiner eigentlichen Rolle, als solider Alltagshelfer und Reisebegleiter, noch heute glänzen. Er gehört zweifellos zu dem besten Rollern seiner Zeit.
 

20 Kommentare:

  1. Das sind noch echte Roller, schnörkellos, solide Technik und ein schlichtes übersichtliches Design. Schöner Bericht.

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  2. heute ist mir exakt das selbe Modell in gleicher Farbe entgegengekommen als 50er, sah sehr gepflegt aus. habe erst gedacht Du wärst das gewesen, wäre aber in NRW unwahrscheinlich :-) Schöner Roller

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    1. So weit war ich dieses Jahr noch nicht auf Tour, außerdem habe ich leider seit Jahren keinen SV mehr. Aber vllt. läuft mir ja mal wieder einer zu ;)

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  3. Hallo! Ich habe mir am Samstag genau so einen Roller gekauft. Macht super viel Spaß damit zu fahren. Das mit dem Hauptständer kann ich allerdings nur unterstreichen. Ist wirklich schwierig als Frau das Ding hochzubocken. Will mir unbedingt einen Seitenständer anbauen lassen. Habe aber noch nicht ganz verstanden wie das gehen soll. Gibt es nur entweder oder? Muss das ein Original sein? Finde ich nämlich nur in Italien. Und wo genau soll der angebracht werden? Freue ich über eine Antwort.
    Merci
    Katja

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  4. Die Aufnahme für den Seitenständer ist links am Rahmen, unter dem Trittbrett steht dort eine Art "Eisenplatte" hervor. An dieser wird sowohl das Ständerbein angeschraubt als auch die Rückstellfeder eingehängt. Das ist ganz einfach und erklärt sich von selbst. Der Hauptständer wird davon nicht berührt.

    Die Seitenstütze für den Peugeot SV ist übrigens die gleiche wie für den Derbi Vamos. Es gibt m.W. keine Neuteile mehr zu kaufen, allerdings tauchen gelegentlich Gebrauchtteile bei eBay auf. In Italien sind oft noch Restbestände an altem Zubehör verfügbar, abgesehen von den relativ hohen Versandkosten spricht da nichts dagegen. Ob Original oder Zubehör ist eigentlich egal.

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    1. Aus Neugier habe ich gerade selbst bei eBay gestöbert. Der Seitenständer von Buzetti (Zubehörhersteller) für den SV ist doch noch neu lieferbar und sogar recht günstig.

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  5. Super Artikel! Fahre eine SV80 und, wie du sagst, der Fahrkomfort ist außerordentlich gut. Es gab übrigens auch mal eine SV100, ist aber sehr selten war aber das einzige SV-Modell mit elektronischer Wegfahrsperre.

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    1. Hatte bis zu meinen 1. Auto erst einen SV80 u. dann den laut Händler letzten 125 welcher noch im Frühjahr 1997 als Hercules SR Variante im Werk bei Sachs war. Später habe ich mich geärgert, diesen für mein 1. Auto verkaufen zu müssen. Inzwischen habe ich seit einigen Jahren einen seltenen SV100 BJ1999.Die elektronische Wegfahrsperre hat mit schon mal einige hundert Euro Reparatur gekostet. Wie lange wurde der 100er eigentlich gebaut? Finde immer nur angaben zu den 3 anderen SV Varianten.

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    2. Die 100ccm-Version gab es in Deutschland m.W. nie offiziell zu kaufen. Das Ding war für Märkte, in denen diese Hubraumklasse sinnvoller war. Stückzahlen kenne ich aber leider auch keine.

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  6. Habe seit 3 Jahren ein SV 50 Roller, damit bin ich im Jahr 2019 von Saarbrücken bis nach Süd Frankreich an die Spanische grenze gefahren und war 10 Tage unterwegs mit Zelt .

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  7. SUPER INVORMATERIAL, SCHAU MIR MORGEN EINEN SR 50 HERCULES ALSO PEGEOT BAUJAHR 1997 AN HOFFENTLICH KLAPPTS MIT DEM KAUF. 🤓🤓🤓🤓

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  8. Besitze seit mehreren Jahren eine SV 50 und eine SV 80. Beide überholt und angemeldet. Macht echt Spaß damit zu fahren. Beide ziehen den gleichwertigen modernen Rollern regelmäßig das Fell über die Ohren. Schade das so was nicht mehr gebaut wird. Auf dem Gebrauchtmarkt sind sie völlig zu Unrecht die Stiefkinder. Ne Schippe voll Rost mit Vespa PX Papieren erzielt stets einen vielfachen Preis. Völlig unverständlich und überzogen.

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  9. Kennt jemand den Farbcode für türkis metallic?

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  10. Brauche auch diesen Farbcode.
    Bitte schreiben ...

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    1. Wirkliche Farbcodes sind mir bei Peugeot nicht bekannt. Peugeot verwendete eigentlich nur Farbnamen. Mit etwas Glück kann aber bei einem guten Lackhändler (Mipa z.B.) der passende Lack herausgesucht werden.

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  11. Moin, hab grade meinen Jaques wieder ans laufen gebracht, Kolben, Zylinder und neue Lager. Den hab ich jetzt fast acht Jahre, hab jedoch noch einen Junior schon seit über 20 Jahren, beide in rotmetallic. Laufen beide über 60 und haben 44 564 und 22 590 auf dem Tacho. Machen beide unglaublich Spaß und werden weiter repariert bis der Rahmen bricht 🤗

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  12. Hallo zusammen, ich habe einen Hercules SR125 Bei dem mit dir Lager der hinteren Welle um die Ohren geflogen sind, kann mir jemand eine Explosionszeichnung oder den genauen Aufbau der hinteren Achse schicken/erklären?
    Vielen Dank im Voraus ��

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  13. Hallo zusammen,
    Endlich hab ich auch einen eigenen Hercules SR 50. Stand über 10 Jahre und war Wegen undichter Ölpumpe völlig versifft. Nach nun doch einigen Stunden Arbeit ist er fast fertig. Läuft aber ich muss mich noch auf das Kennzeichen gedulden.

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  14. Roller die Waldfee1. Mai 2022 um 19:12

    Mein erster SR 50

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  15. Hallo,

    ich hab gerade von einem 85jährigen Onkel einen SV 50 geschenkt bekommen. Bj. 1997, mit allem erdenklichen Zubehör, Garagenfahrzeug, Kilometerstand 6000, zuletzt gefahren Ende 2018.

    Ich habe gerade eine Batterie besorgt und bin gespannt, ob ich ihn zum Laufen kriege.

    Falls es jemand interessiert: Einen Prospekt von damals war auch dabei...😉

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