Mittwoch, 19. Dezember 2018

Fahrzeugportrait: Sym Fancy R / Super Fancy

In diesem Fahrzeugportrait soll ein, zumindest in Deutschland, eher ausgefallener Roller vorgestellt werden. Der von Sanyang Motor gebaute, unter dem Markenname Sym vertriebene, Fancy R (in einigen Märkten auch Super Fancy).


Grundsätzliches
Sanyang gehört zu den ältesten Motorradherstellern aus Taiwan. Bereits seit 1954 ist das Unternehmen aktiv und produziert motorisierte Fahrzeuge. Dabei handelt es sich meistens und relativ simpel gemachte Gebrauchsmaschinen ohne besonders bemerkenswerte Eigenschaften. In Deutschland waren die Sym-Roller langezeit als günstige, einigermaßen robuste Einstiegsfahrzeuge bekannt. Der Fancy R stelle Mitte der 1990er Jahre einen ersten Versuch dar, Sym im Segment tourentauglicher Kleinroller zu etablieren.
Dabei ist grundsätzlich anzumerken, dass der Fancy R die zweite Generation von Rollern mit dem Namen Fancy darstellt. Jedoch handelt es sich beim Fancy R um eine vollständige Neukonstruktion, die außer dem Namen mit dem Vorgängermodell sehr wenig gemeinsam hat.


Fancy, das englische Wort kann man unterschiedlich übersetzen, als Substantiv gebraucht, bedeutet es Phantasie oder Laune, als Abjektiv kann es mit schick oder ausgefallen übersetzt werden. Wie sehr der Wunsch der Konstrukteure ausgeprägt war, den Kunden ein besonderes Fahrzeug anzubieten wird bereits auf den ersten Blick klar. Unter dem Namensschriftzug auf den Seitenverkleidungen steht: "Giving you the best function & sensation all i have! Fast and first and best!". Ein ziemlich selbstbewusstes Versprechen an den Kunden. Dass dies durchaus ernst gemeint war, wird in vielen Konstruktionsdetails des Fancy R deutlich. Anders als die, teilweise arg krude gemachten, älteren Roller des Herstellers ist der Fancy R hochwertig verarbeitet und durchdacht gebaut. So hat er einen im Trittbrett liegenden Tank mit großem Volumen. Dies ermöglicht, trotz des senkrecht angeordneten Zylinders, ein sehr großes und tiefes Helmfach. Die Batterie ist zusätzlich platzsparend im Helmfachboden untergebracht. Zur Serienausstattung gehörten stets ein Seitenständer und ein sehr guter, stabiler Gepäckträger.


Motor und Antrieb
Der Fancy R wird von einem, von Sym selbst entwickelten Motor übliche Machart angetrieben. Es handelt sich um einen, als Treibsatzschwinge ausgeführten, luftgekühlten Zweitaktmotor mit 49ccm. Die vom Werk mit 4,1PS angegebene Leistung ist mehr als ausreichend um den Roller im Stadtverkehr ordentlich zu beschleunigen. Die ab Werk sehr gut gelungene Antriebsabstimmung sowie die eher nachlässige Drosselung des Rollers tun ihr übriges um ihn zu einem der bestgehenden Fuffis seiner Zeit zu machen.
Konstruktion erinnert der Motor an die Honda- und Peugeot-Rollermotoren seiner Zeit, an denen sich die Konstrukteure in Taiwan vermutlich orientiert haben.

Warum Sym für den Motor des Fancy R seinerzeit die Verwendung von SuperPlus-Benzin vorschrieb bleibt jedoch ein Geheimnis der Taiwanesen, denn die Verdichtung des Motors ist mit 7,1:1 nicht höher als bei anderen Zweitaktrollern und Premiumtreibstoff daher sicher nicht notwendig.

Fahrwerk und Bremsen
Das Fahrwerk mit Telegabel vorne und Einzelfederbein hinten, ist von gewöhnlicher Bauweise, jedoch solide und sauber ausgeführt. Die Federung ist, passend zum Fahrzeugkonzept, sehr komfortbetont. Der Fancy R ist weich gefedert und neigt zum Aufschaukeln. Beim Fahrverhalten waren wohl nicht Roller sondern US-Straßenkreuzer der 60er Jahre die Inspirationsquelle der Ingenieure. Letztlich ist dies nicht weiter schlimm, lässt jedoch auf schlechten Straßen und in schnellen Wechselkurven wenig Vertrauen aufkommen. Die grundsätzlich gute, wenn auch nicht übermäßig große, Schräglagenfreiheit des Rollers lässt sich so schlecht ausnutzen, denn im Grenzbereich ist der Roller eher kritisch zu fahren und neigt zum Wegrutschen, Letzteres kann durch das Aufziehen hochwertiger Reifen etwas gemildert werden. Das der Fancy R auf der Allerweltsgröße 3.00-10 (vorne und hinten) rollt, macht dies leicht, denn in dieser klassischen Rollerdimension gibt es eine unglaubliche Auswahl an Reifen.


Die Bremsen sind klassentypisch eher zahm, wenn auch grundsätzlich ausreichend stark. Die Bremsleistung ist in Ordnung und die Dosierbarkeit der hinteren Trommelbremse ist ausreichend. Die vordere Scheibenbremse agiert teigig und ohne klaren Druckpunkt, daraus resultiert eine ungesunde Neigung zum Überbremsen des Vorderrades. Dies kann für Anfänger gefährlich werden, insbesondere auf nassem Untergrund ist hier größte Vorsicht angebracht. 

Fahrverhalten
Die eher zurückhaltende Bremsanlage und das weiche Fahrwerk verleiten nicht zu übermäßig sportlicher Fahrweise. Diese ist mit dem Fancy R ohnehin nicht empfehlenswert. Der sehr niedrig bauende Roller verfügt nur über begrenzte Bodenfreiheit und setzt in schnell gefahrenen Kurven leicht auf. Vor allem in Linkskurven beißt gerne der Hauptständer in den Asphalt. Die Zehnzöller bauen zudem wenig Kreiskraft auf. Im innerstädtischen Verkehrsgewühl ist dies beim Autoslalom hilfreich, auf Landstraßen nervt es eher. Wie alle Roller mit dieser Radgröße neigt der Fancy R dazu um die Hochachse zu pendeln und Fahrbahnunebenheiten nachzulaufen.

Der Fancy R ist als komfortabler Gleiter zu verstehen. Sein Fahrverhalten nimmt tatsächlich Anleihen bei gewissen, historischen US-Automobilen. Er ist, solange es geradeaus geht, schnell, aber ab der ersten Kurve zieht die Konkurrenz wieder vorbei. Beim entspannten, gerne auch stundenlangen, Dahinrollern auf offener Strecke kann er aber als unaufgeregter, komfortabler Reisebegleiter punkten. Zusammen mit dem großen Helmfach, dem guten Gepäckträger und dem großen Tank ist er somit auch eine durchaus interessante Basis für einen Tourenroller.

der Fancy R im Alltag
Im Alltagsbetrieb machen oft Kleinigkeiten den Unterschied aus. Der Fancy R punktet hier mit einem nutzbaren Handschuhfach, das bei einem Roller dieser Ära keine Selbstverständlichkeit ist, sowie einfacher Benutzung. Der relativ leichte Roller ist einfach aufzubocken und zu rangieren, die Schlösser sind gut zugänglich und leicht bedienbar und das Cockpit gut ablesbar, auch wenn es sehr wenig Informationen liefert.


Der serienmäßige, sehr solide Gepäckträger schreit förmlich nach einem Topcase. Was dann noch immer nicht verstaut werden kann, landet zur Not  im großzügigen Fußraum. Ebenso positiv fällt der sehr gute, die Fahrbahn breit und weit ausleuchtende Scheinwerfer auf. Gerade bei einem Roller aus den 90er Jahren keine Selbstverständlichkeit. Das große Rücklicht sorgt zudem für Sicherheit von hinten. Trotz des relativ hohen Verbrauchs von um die vier Liter auf hundert Kilometer sorgt der knapp 6 Liter fassende Tank für eine ordentliche Reichweite.

Nicht jedermanns Sache ist der Tank im Trittbrett. Zum Tanken muss man entweder den Kniefall vor der Kreatur üben oder sich vor ihr verneigen. Die Intension der Ingenieure klar: Ein niedrig platzierter Tank kommt der Gewichtsverteilung zu gute und verbessert das Fahrverhalten, außerdem räumt er im Rahmenheck den Platz für ein größeres Helmfach frei.


Fazit
Der Sym Fancy R gehört zu jenen, oft übersehenen Rollern die kaum jemand "auf dem Schirm" hat. Er ist eine durchaus interessante, weil gut gebaute und angenehm zu fahrende, Alternative zu den üblichen Verdächtigen wenn es um Alltags- und Tourenroller geht.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen