Mittwoch, 7. November 2018

Fahrzeugportrait: Solo 712

Die Solo Kleinmotoren GmbH aus Sindelfingen ist heute wohl vor allem Gärtnern und und Waldarbeitern ein Begriff. Gehört das Unternehmen doch zu den bekanntesten Herstellern motorisierter Helfer für den Gartenbau und die Waldwirtschaft. Ob Rasenmäher oder Motorsense, die Geräte aus Schwaben haben einen guten Ruf. Allerdings war das 1948 gegründete Unternehmen in der Vergangenheit auch als Hersteller höchst innovativer Kleinfahrzeuge bekannt. So entstanden neben zahlreichen Typen von Mofas und Mopeds auch das bis heute einzigartige, sechsrädrige Amphibienfahrzeug des Typs 750. In diesem Portrait soll es jedoch um ein Mofa gehen, die bekannte Baureihe 712.
Solo 712 Mofa Baujahr 1975
Allgemeines
Die Mofas der Baureihe 712 sind grundsätzlich konventionell aufgebaute Mofas. Ein fahrradartiger Rahmen mit freiem Durchstieg und ein insgesamt eher biederer Eindruck, lackiert in den für die 70er Jahre typischen Signalfarben, lassen zunächst nicht vermuten, dass man es hier mit einem höchst interessanten Fahrzeug zu tun hat.
Als einziger Mofamotor deutscher Fertigung ist der hier verwendete Zweitakt-Einzylinder flüssigkeitsgekühlt. Zudem übernimmt ein stufenlos arbeitendes Planetengetriebe, genannt Solomatic, die Kraftübertragung.

Neben dem Solo-Händlernetz wurden die Fahrzeuge auch als "Mars" über den Versandhandel und Kaufhausketten vertrieben. Von Lackierung und Beschriftung abgesehen unterschieden sich die Mars-Modelle nicht von den Solo-Modellen.

Motor und Antrieb
Der Motor der Solo 712 ist ein kolbengesteuerter, einzylindriger Zweitaktmotor mit Flüssigkeitskühlung. Die Kühlung arbeitet nach dem Thermosyphonprinzip, das Wasser zirkuliert also ohne Pumpe nur durch den Temperaturunterschied im Motor. Gekühlt wird dabei ausschließlich der im Fahrwind liegende Zylinderblock. Der Zylinderkopf des Mofas enthält den Wasservorrat. Ein geschraubter Stopfen im Zylinderkopf dient dabei als Einfüll- und Kontrollöffnung.

Am Zylinderkopf, oberhalb des Zündkerzensteckers, ist die Kontrollschraube des Wassermantels zu erkennen.
Der Motor treibt über eine trocken laufende Kupplung einen Riemen an. Dieser wiederum wirkt auf das Getriebe. Bei diesem handelt es sich um ein Planetengetriebe mit zwei Gängen, die sogenannte Solomatic. Dieses Getriebe, das in seinem Aufbau den Automatikgetrieben im PKW-Bau ähnelt, ist bei Mofas bis heute einzigartig. Korrekt eingestellt und gewartet erlaubt es drehmomentverlustfreien Antrieb und verleiht dem Mofa sein enormes Abzugsvermögen und eine erstaunliche Steigfähigkeit. Der Endantrieb zum Hinterrad erfolgt konventionell über eine Kette.

Die Trockenkupplung mit abgenommenem Deckel (links) und das Gehäuse der Solomatic (rechts), bei demontiertem Trittbrett.

Das geöffnete Planetengetriebe der Solomatic.
 Fahrwerk und Bremsen
So exotisch der Antrieb anmutet, so konventionell ist das Fahrwerk der Solo 712. Es besteht aus einem schlichten Strahlrohrrahmen. Dieser nimmt vorne eine einfache Federgabel auf und hinten die Schwinge, die sich über zwei Federstoßdämpfer abstützt. Es gab zeitweise auch eine Variante mit ungefedertem Hinterrad.

Die einfachen aber qualitativ sehr hochwertigen Fahrwerksteile verleihen dem Fahrzeug ausreichenden Komfort und genügende Straßenlage. Angesichts der geringen Höchstgeschwindigkeit (25km/h) ist das Fahrwerk spürbar unterfordert. Gleiches gilt auch für die Trommelbremsen. Vorne wie hinten per Seilzug betätigt bringen sie das Fahrzeug jederzeit sicher und spurtreu zum Stehen. Etwas das bei Mofas dieser Zeit nicht als selbstverständlich gelten kann. Insgesamt macht das Fahrwerk den Eindruck, auch mit deutlich höherer Geschwindigkeit und Motorleistung fertig zu werden, da viele Teile auch bei den Mopeds des Hauses verwendet wurden, kann dies kaum verwundern.

Fahrverhalten
Naturgemäß ist es schwierig, mit einem Mofa dieser Bauart irgendwelche Rekorde aufzustellen. Schräglagenfreiheit bieten alle, bedingt durch die Bauweise, mehr als genug. Doch kann man der Solo ein besonders komfortables Fahrverhalten attestieren. Gemessen an den Konkurrenzprodukten von Hercules oder Kreidler ist der Fahrer auf dem Schwingsattel gut gebettet und kann auch längere Strecken entspannt zurücklegen.

Die großen, aber schmalen Räder (Reifendimension 2,25X16 vorne und hinten) bauen ausreichende Kreiselkräfe auf um das Fahrzeug auch in relativ schnellen Wechselkurven zu stabilisieren. Gleichzeitig neigen sie jedoch dazu, sich in Spurrinnen "einzuklinken" und diesen nachzulaufen. Dies ist jedoch nicht ungewöhnlich und eine für klassische Mofas typische Eigenschaft.

das Solo 712 im heutigen Gebrauch
Es verbietet sich naturgemäß ein solches Fahrzeug mit modernen Mofarollern zu vergleichen. Stauraum gibt es nicht, nur ein winziges Werkzeugfach unter dem Gepäckträger sowie einen Halter für die Luftpumpe. Wetterschutz wird ebenfalls nur von der Kleidung des Fahrers geboten. Dafür punktet die 712 mit exzellenten Fahreigenschaften, relativ viel Komfort und sehr geringem Verbrauch. Wird konstant knapp unter der Höchstgeschwindigkeit gefahren ist eine Eins vor dem Komma erreichbar, mehr als 2,5l auf hundert KM werden aber auch brutale Heizer nicht durch den winzigen Bingvergaser pumpen können.

Solo bot für die 712 einiges nützliche Zubehör an. Darunter passgenaue Satteltaschen und ein Beinschild für verbesserten Wetterschutz. Diese Dinger sind jedoch extrem selten und von Sammlern gesucht, was sie teuer macht. Die Ersatzteilversorgung für Solofahrzeuge ist bis heute gesichert. Die nach wie vor zahlreichen Solodienste können Ersatzteile über den Hersteller bestellen und alles Wichtige ist verfügbar. Dies macht die 712 im Grunde zum idealen Alltagsoldtimer für Mofafreunde.

Die Wartung der exotischen Technik
Die Reparatur des exotischen Antriebs stellt auch erfahrene Mofaschrauber vor Schwierigkeiten. Die Solomatic ist deutlich komplexer als übliche Mofagetriebe, ihre Einstellung erfordert Sonderwerkzeug und ein Werkstatthandbuch, an dessen Vorgaben man sich strikt halten muss. Zudem ist bei allen Arbeiten am Getriebe peinlichste Sauberkeit notwendig. Da an vielen erhaltenen Fahrzeugen im Laufe der Zeit unprofessionell herumgemurkst wurde, sind viele Solo-Mofas heute nicht in optimaler Verfassung. Eine Reparatur ist jedoch aufwändig und teuer.

Der regelmäßig durchzuführende Wechsel des ATF ist jedoch auch für ungeübte Heimschrauber problemlos. Ebenso die regelmäßige Kontrolle des Wasserstands der Kühlung. Das nicht hermetisch dichte System verbraucht konstant Wasser und muss daher regelmäßig nachgefüllt werden. Werden diese grundlegenden Wartungsarbeiten, zusammen mit den üblichen Pflege- und Abschmierarbeiten sorgfältig ausgeführt, spricht nichts gegen langjährigen, zuverlässigen Gebrauch eines solchen Fahrzeugs.

Fazit
Die Solo 712 ist ein, auch heute noch, problemlos alltagstaugliches, klassisches Mofa. Ihre ungewöhnliche Technik macht sie für Sammler ebenso interessant wie für Technikbegeisterte. Die überdurchschnittlich guten Fahreigenschaften und das typische 70er Jahre Design ergeben einen liebenswerten Mix und sind auf jedem Oldtimertreffen gerne gesehen.

Die Preise für gute Solomofas sind seit Jahren stabil und auf relativ hohem Niveau. Sehr gute, oder gar neuwertig erhaltene Fahrzeuge mit viel Zubehör und wenig Kilometern erreichen teilweise sehr hohe Preise. Billigere Fahrzeuge brauchen meist einiges an Arbeit, speziell Schäden an der Solomatic können dabei durch die notwendige Fremdarbeit sehr schnell teuer werden.


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