Dienstag, 3. Juli 2018

Fahrzeugportrait: Hainan Sundiro ZDZ50 (Huth Runner)

Gullivers Reisen, der berühmte Roman aus Jonathan Swifts Feder, zählt bis heute zu den Klassikern der Weltliteratur. Besonders bekannt ist dabei wohl die Geschichte über Gullivers Abenteuer im Lande Liliput. Wie einer der Bewohner des fiktiven Landes sich dem scheinbaren Riesen Guliver gegenüber fühlen, das kann man als Fahrer des Rollers um den es in diesem Fahrzeugportrait gehen soll.



Grundsätzliches zum ZDZ50
Im sonst eher gesichtslosen Massenheer der Chinaroller nimmt der Hainan Sundiro ZDZ50 eine Sonderstellung ein. Diese herausragende Stellung hat er inne, weil er eben nicht herausragt. Denn er zählt zu den kleinsten jemals serienmäßig produzierten Rollern überhaupt. 
Nach Deutschland kam er in den 1990er Jahren als Huth Runner, importiert vom Büroartikelgroßhändler Huth und über diverse Vertriebswege verkauft. In einigen asiatischen Ländern wurde der Roller als "Panda Cub" angeboten, teilweise mit modifierter Verkleidung. Anders als viele Chinaroller ist er keine Kopie eines Markenfahrzeugs sondern eine vollständige Eigenentwicklung des Herstellers.
Neben einem Ford Ka wird besonders deutlich, wie klein der ZDZ50 tatsächlich ist. Der kölner Kleinwagen wirkt wie im Vergleich riesig.

Motor und Antrieb
Der Motor des ZDZ50 ist ein in seiner Struktur ungewöhnlicher Rollermotor. Es handelt sich zunächst um einen konventionel als Treibsatzschwinge ausgeführten Zweitaktmotor mit stehendem Zylinder. Da das extrem kleine Fahrzeug jedoch kaum Platz bietet, befindet sich der Luftfilter über dem Zylinderkopf und der Vergaser (Mikuni) ist unter dem eigentlichen Motor, an der Stirnseite des Kurbelgehäuses, angebracht. 
Ausgebaut ist die ungewöhnliche Struktur des Motors besonders gut zu erkennen.
Auch der Auspuff hat eine ungewöhnliche Position und Form.
Diese extrem platzsparende Konstruktionsweise führt zu einem ungesund langen und verwinkelten Ansaugweg. Entsprechend fällt die Leistungsausbeute mit 2kW bei 6.000upm eher mager aus, für den nur 55kg leichten Winzling ist dies jedoch mehr als ausreichend. 

Fahrwerk und Bremsen
Das Fahrwerk des ZDZ50 ist von primitivster Machart. Eine simple, fettgefüllte Telegabel hält das Vorderrad mehr schlecht als recht in Zaum und hinten kämpft ein einsames, winziges Federbein damit, den Hinterreifen auf dem Asphalt zu halten. Die Räder bestehen aus einfachen Stahlblechfelgen auf die Reifen der exotischen Dimension 3.0X8" aufgezogen sind. 
Die winzigen, nur knapp 50mm durchmessenden, Trommelbremsen des ZDZ50 sind an beiden Rädern seilzugbetätigt und völlig überdimensioniert. Tatsächlich fällt es ungeübten Fahrern schwer, eine Bremsung ohne wenigstens ein blockierendes Rad zu bewerkstelligen. 
Der Rahmen des ZDZ50 ist ein, gemessen an Gewicht und Größe des Fahrzeugs, gigantisches Rohrkonstrukt. Die üblichen Rohrdimensionen eines Fuffirollers wirken in diesem, an ein Kinderspielzeug erinnernden Ambiente, wie das Tragwerk einer Autobahnbrücke. 

Fahrverhalten
Es gibt wenige Roller deren Fahreigenschaften sich problemlos mit einem einzigen Wort beschreiben lassen. Der Hainan ZDZ50 ist einer davon und das Wort lautet furchteinflößend.
Der nominal eher durchschnittliche Motor ist im leichten ZDZ50 überstark. Das Beschleunigungsvermögen des chinesischen Winzlings ist mehr als nur erstaunlich, selbst einige 125er Roller schaffen es nicht so schnell über die Kreuzung wie der Zwerg aus dem Reich der Mitte. Dem gegenüber stehen grauenhaft schlechte, mit dem Fahrzeug völlig überforderte Federelemente die den Roller auf seinen winzigen Rädern über die Straße hoppeln lassen wie ein tollwütiges Kaninchen. Die winzigen Räder hacken in jedes Schlagloch gefährlich ein und sind so schmal, dass sie problemlos in Trambahnschienen und Gullideckeln einklinken können. Das ein so kleiner Roller mit derart winzigen Rädern kaum sicheren Geradeauslauf bietet muss wohl nicht extra erwähnt werden. 
Kombiniert mit der Tatsache, dass durch die praktisch undosierbaren und viel zu stark zupackenden Bremsen bei jedem Bremsvorgang Sturzgefahr besteht, und der Vortrieb erst bei knapp unter 60km/h endet, ist dies wohl einer der gefährlichsten Roller die es gibt. Für Anfänger und unsichere Fahrer ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem Unfall kommt.

der ZDZ50 im Alltag
Den ZDZ50 im Alltag zu fahren ist eine Herausforderung für Menschen mit Nerven aus Stahltrossen. Diese können sich wahrscheinlich mit dem abenteuerlichen Fahrverhalten anfreunden und sie stören sich auch nicht am Fehlen jeglichen Komforts. Selbst Personen deren Körpergröße unterhalb des  Durchschnitts liegt sitzen nicht bequem, es sei denn man bevorzugt eine Haltung die es erlaubt, die Ohren in den Kniekehlen zu wärmen. Wetter- oder Windschutzt bietet der Roller nicht in nennenswertem Umfang. Andererseits kann der Winzling natürlich durch jede Ritze im Verkehrsgetümmel schlüpfen. Das sich der Kopf des Fahrers babei auf Höhe der Tankklappe vieler Kleinwagen befindet ist gewöhnungsbedürftig. Pure Todesangst verspürt, wer auf der Landstraße von einem Sattelzug überholt wird.

Unter dem Sitz befinden sich die Tanks für Benzin und Öl sowie die Batterie. Stauraum gibt es hier keinen. Diesen bietet einzig und allein das Handschuhfach in der Front. Es ist wirklich ein Handschuhfach, wobei Handschuh hier im Singular zu verstehen ist. Am Heck befindet sich beim ZDZ50ein aus dürren Stahlstäbchen bestehender, wenig vertrauenserweckender Gepäckträger. Zumindest tut er das, wenn der Erstbesitzer einst einen mitbestellt hat, den zum Serienumfang gehörte er nicht. Dieser Gepäckträger ist laut Bedienungsanleitung für ein Gewicht von 2kg zugelassen, reicht also nicht für ein Topcase. Eine Flasche Baldriantropfen zur Beruhigung der Fahrernerven sollte sich aber festschnallen lassen.
das Cockpit liefert nur die absolut nötigsten Informationen

unter dem Tank befinden sich die Tanks für Treibstoff und Öl sowie die Batterie und Teile der Fahrzeugelektronik
Etwas ernsthafter betrachtet, stellt sich im Alltagsbetrieb noch ein weiteres Problem ein. Die Anzahl der nach Europa importierten ZDZ50 ist verschwindend gering. Die Fahrzeuge sind ausgesprochen selten und es gibt aktuell keinen Importeur für Ersatzteile. Die Ersatzteilversorgung für die Winzroller ist nicht gesichert, was es gibt ist zum größten Teil gebraucht und wird in der kleinen Szene gehandelt. Schon daher empfiehlt sich der ZDZ50 eher als Kuriosium für einen Sammler oder als Gartendekoration. 

Fazit
Der ZDZ50 ist ein Interessanter Roller für Sammler ungewöhnlicher Fahrzeug. Der nur knapp einen Meter hohe Winzling sticht aus der Menge heraus und zieht die Blicke auf sich.
Sein mehr als nur grenzwertiges Fahrverhalten und die praktisch nicht vorhandene Ersatztversorgung sind jedoch Dinge die einen ernsthaften Alltagsgebrauch verhindern. Vom nicht vorhandenen Nutzwert einmal ganz zu schweigen. Die wenigen Fahrzeuge die angeboten werden, sind, auch in gutem Zustand, meist sehr billig. Es sollte jedoch darauf geachtet werden, nur Roller zu kaufen die voll fahrbereit sind und an denen keine Teile fehlen. Die Suche nach Ersatzteilen für eine Reparatur kann im Extremfall Jahre dauern.

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