Montag, 18. September 2017

Schraubertipps: Trommelbremse überholen und einstellen

Auch wenn heute fast alle Roller über Scheibenbremsen verfügen, so ist die Trommelbremse nach wie vor in Gebrauch. Gerade kleine Fuffiroller haben oft, zumindest am Hinterrad, noch eine Trommelbremse.
Zum Einen ist die Hinterradbremse beim Zweirad nur zu ca. 20% an der Bremsleistung beteiligt und zum Anderen sind Trommelbremsen besonders robust und langlebig. Dafür sind sie in den meisten Fällen nicht wo wartungsfreundlich und effektiv wie Scheibenbremsen. 
In dieser Anleitung soll es jetzt darum gehen, wie die Trommelbremse zu warten und ggf. zu überholen ist. Hierfür gilt, wie immer bei Arbeiten an sicherheitsrelevanten Fahrzeugteilen, dass man nur Arbeiten ausführen darf, bei denen man sich sicher. Fehler in diesem Bereich können sehr schnell sehr gefährlich werden! Darum sollte im Zweifelsfalle fachkundiger Rat hinzugezogen oder die Arbeit gleich einem Spezialisten überlassen werden! 

Bestandteile und Wirkungsweise
Bei Rollern kommen fast ausnahmslos mechanische Trommelbremsen in Simplexbauweise zum Einsatz. Das bedeutet, dass die Bremse rein mechanisch über ein Gestänge oder einen Seilzug betätigt wird und die Bremsbacken nur einen Bremsnocken haben. Dieser Bremsnocken treibt die Backen an einem Ende auseinander, während sie am anderen auf dem festen Drehpunkt liegen. Die nachfolgende Zeichnung soll dies, in deutlich überspitzter Darstellung, verdeutlichen.
Bei gezogener Bremse reiben die Bremsbeläge an der Bremstrommel. Dadurch wird Bewegungsenergie in Wärmeenergie umgewandelt und das Fahrzeug abgebremst. Wird die Bremse gelöst, ziehen die beim Betätigen der Bremse gespannten Federn die Bremsbeläge zurück in Ruhestellung. Das nachfolgende Foto zeigt den Aufbau der Bremse am Objekt.
Die Bremstrommel selbst ist heute fast ausnahmslos fester Bestandteil des Rades. Einige ältere Roller haben von der Felge trennbare Bremstrommeln. 
Die Bremsankerplatte, also die Fläche auf der die Bremsbacken montiert werden, ist heute üblicherweise Teil der Treibsatzschwinge (bei Hinterradbremsen) und nur selten demontierbar. Lediglich der Bremsnocken kann bei den meisten Systemen zu Reparaturzwecken entnommen werden. Trommelbremsen am Vorderrad haben oft einen abnehmbaren Bremsschild. 
Bremsankerplatte einer Hinterradbremse
Diese Bremsschilde sind oft Teil der Vorderradführung und daher eigentlich ein Thema für sich. Die reine Bremsmechanik ist aber in den allermeisten Fällen identisch zur Hinterradbremse, weshalb das hier geschriebene auch für diese Bremsen gilt. 

Augen auf beim Teilekauf!
Beim Kauf von Bremsenteilen ist unbedingt darauf zu achten, dass diese eine Zulassung (ABE oder Bauteilgutachten zur Eintragung) besitzen. Bei Originalteilen des Fahrzeugherstellers muss man am wenigsten beachten, Zubehörteile sollten über eine EG-ABE oder (besser) KBA-Nummer verfügen. Zudem ist es gut, wenn ein Gutachten in Papierform beiliegt. Zwar ist dieses heute nicht mehr zwingend vorgeschrieben, es ist jedoch ein Indiz für hochwertige Komponenten und kann zudem bei Begegnungen mit dem Gesetz hilfreich sein.
Vorsicht ist besonders bei Billigangeboten im Internet geboten. Oft werden hier überlagerte, minderwertige oder unzulässige Teile angeboten. Bremsscheiben können theoretisch unbegrenzt gelagert werden, Beläge, Flüssigkeit und Leitungen altern jedoch und sollten nur "frisch" verwendet werden. Insbesondere bei Bremsflüssigkeit ist dies wichtig. Es ist daher zu empfehlen, Bremsenteile im Fachhandel zu erwerben, der Mehrpreis kauft nicht nur bessere Qualität und Lebensdauer, sondern auch Sicherheit! Bei der Bremse hat sich manch einer schon buchstäblich totgespart!
Einstellen der Trommelbremse
Die einfachen Bremssysteme von Rollern sind meist nicht selbstnachstellend. Daher muss die Bremse regelmäßig eingestellt werden. Dies ist erforderlich, da die Belagstärke durch Verschleiß abnimmt und der Leerweg der Bremse dadurch steigt. Dies macht sich durch einen größeren Hebelweg am Bremshebel bemerkbar. 
Die bei Rollern gebräuchlichen Trommelbremsen haben normalerweise außenliegende Einstellelemente. Dies sind entweder Stellschrauben (Hinterradbremse) oder Seilzugspanner (Vorderradbremse). In beiden Fällen muss vor dem Einstellen die Freigängigkeit des Einstellelementes sichergestellt werden. Gerade die Stellschrauben an der Hinterradbremse sind oft so stark verschmutzt und verrostet, dass sie sich kaum noch bewegen lassen. Der großzügige Einsatz von Kriechöl und sanfte (!) Gewaltanwendung lösen sie meist wieder. Oft hilft es, mit einer starken Zange das Gewindestück zu fixieren und dann die Einstellschraube zu lösen. Hierzu haben die meisten Bremszüge am Anfang des Einstellgewindes einen Vierkant. An dieser Stelle kann Gegengehalten werden ohne das Gewinde zu beschädigen.  Nach dem Einstellen sollten Gewinde und Einstellschraube reichlich eingefettet werden, die Schmierschicht schützt vor neuem Rost.
Einstellvorrichtung am Hinterrad
Dies gilt prinzipiell auch für Bremsen die über Seilzugspanner eingestellt werden. Hier ist jedoch zusätzliche Vorsicht geboten, da deren Gewinde oft besonders empfindlich und bruchgefährdet sind.
Einstellvorrichtung mit Seilzugspanner
Unabhängig von der Bauweise der Einstellvorrichtung ist der eigentliche Einstellvorgang immer gleich. Das Fahrzeug wird zunächst so aufgebockt, dass sich das fragliche Rad frei drehen lässt. Dazu ist es meist ausreichend, ein Stück Holz unter den Hauptständer zu legen. Dann wird die Einstellvorrichtung solange zugezogen, bis sich das Rad nicht mehr frei drehen lässt bzw. ein leichtes Schleifen bemerkbar ist. Von diesem Punkt aus wird die Einstellung solange in kleinen Schritten zurückgenommen, bis sich das Rad wieder frei drehen lässt. Nun wird die Bremse einige Male betätigt und ihre Wirkung kontrolliert. 

Austausch der Bremsbeläge/Bremsbacken
Moderne Trommelbremsen haben fast ausnahmslos Bremsbacken, bei denen die Beläge mit dem Belagträger verklebt sind. Der früher übliche Austausch der Beläge durch aufnieten neuer Beläge auf den vorhandenen Belagträger ist nicht mehr möglich. Theoretisch können durch einen entsprechenden Fachbetrieb neue Bremsbläge aufgeklebt werde, was jedoch nur bei Fahrzeugen sinnvoll ist, für die keine neuen Bremsbacken mehr erhältlich sind. Generell sind dies ohnehin Arbeiten, die für einen Hobbyisten unausführbar sind. Darum wird hier nur die Demontage und der Austausch der Bremsbacken als Einheit erläutert.

Hierzu muss zunächst das jeweilige Rad ausgebaut werden. Beim Hinterrad ist es fast immer notwendig, vorher den Auspuff abzunehmen. Um das Rad abnehmen zu können, muss meist die Einstellvorrichtung komplett entspannt werden. Hierzu einfach die Einstellschraube komplett lösen. Die dann freiliegenden Bremsenteile sollten zunächst mit Bremsenreiniger gesäubert werden. Hierzu keine Druckluft verwenden, der Bremsstaub ist gesundheitsschädlich!
Die gereinigten Bremsenteile können nun auf Verschleiß hin untersucht werden. Hierbei werden zunächst die Bremsbeläge genau begutachtet. Sie dürfen keine Ausbrüche haben und sich natürlich auch nicht von den Belagträgern ablösen. Zudem muss ihre Materialstärke noch innerhalb der Toleranzen liegen. Die Fahrzeughersteller geben normalerweise ein Minimum im Werkstatthandbuch an. Wichtig ist aber auch, dass Beläge altern können. Sehr alte Bremsbeläge haben oft noch die vorgeschriebene Stärke, sind jedoch total verhärtet und somit unbrauchbar. Nach spätestens 10 Jahren sollte man sie daher in jedem Fall austauschen.
Gleiches gilt auch für die Bremstrommel. Diese ist heute fast immer Teil der Felge und kann nicht einzeln ausgetauscht werden. Ein deutliches Zeichen für fortgeschrittenen Verschleiß sind radiale Riefen in der Trommel. Aber auch Ausglühungen (blaue Stellen) sind ein Grund die Trommel zu tauschen. Die Bremstrommel ist ebenfalls verschlissen, wenn sie einen gewissen Innendurchmesser überschreitet. Auch dieser Wert ist bei den meisten Fahrzeugen im Werkstatthandbuch zu finden.

Ein Pferdefuß bei vielen Rollern ist der Wellendichtring der Getriebeausgangswelle. Ist er schadhaft kann Getriebeöl in die Hinterradbremse laufen und die Bremsbeläge durchtränken. Daher ist es bei jeder Inspektion erforderlich, nicht nur die Bremse zu prüfen sondern auch den Wellendichtring. Zeigt er Ölspuren muss er ausgetauscht werden. Zu beachten ist, dass verölte Bremsbeläge in jedem Fall unbrauchbar sind und ersetzt werden müssen, es ist nicht möglich sie zu reinigen.

Zur Demontage der Bremsbacken werden diese bei den meisten Rollern nach vorne herausgeklappt. Ein Schraubendreher oder kleiner Schraubenschlüssel kann hierbei als Hebel hilfreich sein.
Hierbei auf die Federn achtgeben, diese können leicht herausspringen und verloren gehen. Bei neuen Bremsbacken sind zwar meist auch Federn beigelegt, dennoch sollte man die Altteile bis zum Abschluss der Arbeiten als Muster und Notersatz verwahren. 
Nachdem die Bremsbacken ausgebaut sind, kann noch der Bremsnocken auf Leichtgängigkeit geprüft werden. Hierzu einfach den Bedienarm der Bremse von Hand betätigen. Die Mechanik muss leichtgängig und spielfrei laufen. Anschließend kann die Bremsgrundplatte nochmals gereinigt werden. Bevor neue Bremsbacken eingesetzt werden, sollten die Auflageflächen am Bremsnocken und dem Widerlager mit Keramikschmiere (bekannt unter dem ATE-Markennamen Plastilube) oder Kupferpaste bestrichen werden. Dies verhindert Kontaktkorrosion sowie Bremsquietschen und sorgt für leichten Gang der Bremse.

Als nächsten Schritt müssen die neuen Bremsbacken für den Einbau vorbereitet werden. Bei den meisten Rollern ist es sinnvoll, sie zunächst mit den Federn zusammenzusetzen. Die Federn sollten wenn möglich immer zusammen mit den Bremsbacken getauscht werden.

Einbaufertig vorbereitete Bremsbacken
Jetzt ist es normalerweise problemlos möglich, die Backen einzuhängen. Dazu werden sie eine nach der anderen über das Widerlager und den Bremsnocken gekippt und die Federn dabei gespannt. Anschließend kann alles wieder zusammengebaut und die Bremse eingestellt werden. Wichtig ist jetzt nur, dass auf den ersten Kilometern nur vorsichtig gebremst werden darf, da sich Beläge und Trommel aufeinander Einschleifen müssen.



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