Dienstag, 29. August 2017

Schraubertipps: Variator und Fliehgewichte, Ausbau, Prüfung und Wartung

Im Rahmen der routinemäßigen Wartung eines modernen Automatikrollers ist es erforderlich, den Variator auszubauen. Denn nur so ist es möglich, den Zustand der Fliehgewichte und des Variators selbst zu beurteilen. Beides sind Faktoren, die für die optimale Funktion des Fahrzeugs von großer Bedeutung sind.
Zudem muss bei vielen Rollern der Variator ausgebaut werden, wenn auf die Ölpumpe oder den Anlasserantrieb zugegriffen werden soll. Entsprechend wichtig ist es zu wissen, wie vorzugehen und was zu beachten ist. Hierbei soll diese Anleitung Hilfestellung leisten. Es ist zu beachten, dass viele Fahrzeughersteller in diesem Bereich Sonderlösungen gefunden haben. Die Anleitung zeigt die Arbeitsschritte an Fahrzeugen mit Minarelli- bzw. Piaggiomotor. Auch hier gilt, dass ein Werkstatthandbuch zum jeweiligen Fahrzeug unerlässlich für den Erfolg ist!

Grundsätzliches:
Der Variator ist für viele, besonders für unerfahrene, Schrauber ein regelrechter "Angstgegner". Dabei ist es eigentlich ein relativ simples Bauteil. Wichtig ist jedoch absolut sauberes und genaues Arbeiten, denn Schäden in diesem Bereich führen sehr schnell zu kapitalen Motorschäden bzw. können unmittelbar gefährlich werden. Ein sich im Fahrbetrieb lösender Variator kann durchaus den Antriebskasten durchschlagen und zum lebensgefährlichen Geschoss werden!  Von den Folgeschäden für das Fahrzeug ganz zu schweigen. 

Der Variator sitzt direkt auf der Kurbelwelle, als odem innerste und wichtigsten Teil des Motors. Eine defekte Kurbelwelle ist ein massiver Schaden und oft das wirtschaftliche Ende für den Roller. 

Die Zentralmutter, die den Variator auf der Kurbelwelle hält, ist bei manchen Rollern eine leicht untermaßige Dehnmutter. In solchen Fällen darf die Mutter auf keinen Fall wiederverwendet werden. Sie ist jedoch grundsätzlich ein hochbelastetes Teil und sollte daher stets erneuert und zudem mit Schraubensicherungsmittel eingeklebt werden. Bei einigen Modellen haben diese Muttern ein Linksgewinde oder ein nicht genormtes Gewindemaß. Um Fehler zu vermeiden, sollte darum immer eine exakt für das jeweilige Fahrzeug zugeordnete, am besten direkt vom Fahrzeughersteller gelieferte, Mutter verwendet werden. 

das notwendige Werkzeug:
Gerade bei Arbeiten an sensiblen Motorteilen, in diesem Fall der Kurbelwelle, ist die Wahl des richtigen Werkzeugs von großer Bedeutung. Falsches, falsch eingesetztes oder minderwertiges Werkzeug führt hier besonders schnell zu teuren Schäden.
Im Zweifelsfalle sollte man sich im Vorfeld genau informiere und das passende Werkzeug bereitlegen, ggf. auch Sonderwerkzeuge kaufen. Dies gilt besonders für die im Fachhandel angebotenen Gegenhalter für die Riemenscheibe. Diese so genannten "Variotools" sind zwar relativ teuer, aber ein unerlässliches Hilfsmittel bei diesen Arbeiten.
Oft wirf empfohlen, die Zentralmutter mit einem Pressluftschlagschrauber zu lösen und anzuziehen. Dies ist grundsätzlich möglich und wird auch von Fachbetrieben oft getan, jedoch ist dabei größte Vorsicht geboten, denn dieses grobe und starke Werkzeug kann das Kurbelwellengewinde leicht beschädigen. Blockierwerkzeug und Drehmomentschlüssel sind ihm überlegen und daher vorzuziehen. Schon weil nur so gewährleistet ist, dass das vom Fahrzeughersteller genau vorgeschriebene Anzugsmoment der Zentralmutter eingehalten wird.

In manchen Anleitungen findet man den Hinweis, dass sich der Motor auch mit einem Kolbenstopper festsetzen lässt. Auch das geht, ist jedoch ausgesprochen gefährlich, denn dabei kann der Kolben beschädigt oder gar das Pleuel verbogen werden. Kolbenstopper sind Hilfswerkzeuge für bestimmte Arbeiten an der Zündanlage und nicht zum festsetzen des Kurbeltriebs für grobe, mechanische Arbeiten gedacht. Daher sollte man von diesem Pfuschmittel die Finger lassen!

vorbereitende Arbeiten:
Grundsätzlich gilt auch hier das Gebot der Sauberkeit. Insbesondere der Schmier aus Fett und Abriebsstaub im Antriebskasten sollte entfernt werden bevor man weitere Arbeiten ausführt. Bei einigen Rollern befindet sich zudem ein Teil des Kickstarterantriebs auf der Kurbelwelle und muss abgenommen werden. Diese Bauteile sind meist mit einem Clip gesichert und müssen in der entsprechenden Reihenfolge gesichert werden. Vorsicht ist bei Kleinteilen und Federn geboten! Kabelbinder und Magnete leisten gute Dienste, wenn es darum geht die Reihenfolge der Komponenten sicher zu stellen.
 
Beispiel eines Kickstartermechanismus auf der Riemenscheibe, hier mit drei Innensechskantschrauben gesichert (TGB Sky der ersten Generation). 
Ausbau des Variators:
Ist die Zentralmutter frei zugänglich, kann der Ausbau beginnen. Hierzu muss die Riemenscheibe mit dem Sonderwerkzeug festgesetzt werden. Danach kann die Mutter gelöst werden.
Alternativ geht es natürlich auch mit dem Schlagschrauber (Bild: Benjamin Schmitz)
Nach dem Lösen der Mutter, kann die Riemenscheibe und ggf. mit ihr zusammen befestigte Teile wie Lüfterrad und Kickstarterkrone abgenommen werden. Auch hier muss die Reihenfolge der Bauteile sichergestellt werden. Ein Kabelbinder oder Draht ist dabei nützlich.
so geht nichts verloren
Wenn sich die Riemenscheibe nicht lösen lässt, kann vorsichtiges (!) hebeln mit einem Stück Holz helfen.
Anschließend kann der Riemen von der Gleitbuchse abgenommen und der Variator selbst herausgezogen werden. Hier ist zu beachten, dass sich auf der Gleitbuchse bei manchen Rollern exakt kalibrierte Distanzscheiben sowie der Drosselring befinden. Diese Teile müssen in der richtigen Reihenfolge wieder eingebaut werden, darum sollten auch sie sichergestellt werden. Hier ist ggf. wieder ein Kabelbinder nützlich.
Variator mit Gleitbuchse und Drosselring (Distanzring) Bild: Benjamin Schmitz
Beim Ausbau kann es sein, dass das Schiebestück des Variators (die sog. Kalotte) auf der Kurbelwelle zurück bleibt. Dann fallen meist auch die Fliehgewichte heraus. Darum sollte vorher ein sauberer Lappen untergelegt werden. 

zerlegen und prüfen des Variators:
Bei einigen Rollermodellen ist der Variator mit einem Abschlussring ausgestattet. Dieser verhindert ein Lösen der Kalotte vom starren Steigwerk. Zudem sorgt er für eine zusätzliche Abdichtung und verhindert somit, dass das Schmierfett ausgeschleudert wird.
Abgenommener Abschlussring (Bild: Benjamin Schmitz)
Die Halteschrauben sitzen häufig sehr fest. Ein gezielter Hammerschlag auf den Schraubendrehergriff vor dem Lösen hilft sie zu lockern. 

Unter dem Ring (bzw. bei offenen Variatoren sofort zugänglich) befindet sich die Kalotte mit ihren Führungsstücken aus Kunststoff. Sie kann lose aus dem Variator entnommen werden. Dabei ist zu beachten, dass die Führungsstücke kein übermäßiges Spiel haben dürfen.
Kalotte mit Führungsstücken (Bild: Benjamin Schmitz)
Der starre Teil des Variators, in dem die Kalotte läuft, wird als Steigwerk oder Gesteig bezeichnet. Er enthält zudem die Fliehgewichte (oft sachlich falsch als Rollen oder Kugeln bezeichnet). Hierbei handelt es sich um Metallgewichte mit Kunststoffummantelung. Der Zustand dieser Ummantelung ist entscheidend für das Laufverhalten der Gewichte. Unrunde Stellen oder gar Brüche führen zu einer erheblichen Verschlechterung des Fahrverhaltens. 
Fliehgewichte im Variator (Bild: Benjamin Schmitz)
Die Gewichte werden darum im Rahmen der Wartung ausgebaut und gereinigt. Zeigen sie Verschleißspuren müssen sie erneuert werden. 
Extrembeispiel für verschlissene Fliehgewichte. Die Ummantelung hat sich teilweise schon von den Kernen gelöst.
Anschließend werden die Laufbahnen der Gewichte im Steigwerk geprüft. Diese dürfen keine Grate oder spürbare Unebenheiten aufweisen. Ein verschlissenes Steigwerk kann nicht repariert, sondern nur ersetzt werden. Zudem wird jetzt probeweise die Gleitbuchse in das Steigwerk eingesetzt und auf Spiel geprüft. Sie muss "saugend" sitzen und darf kein Spiel aufweisen. 
 
Das Video zeigt den Vergleich zwischen einem völlig verschlissenen und einem intakten Steigwerk.

Abschließend werden alle wiederverwendeten Teile gründlich gereinigt und getrocknet. Die Gewichte, egal ob neu oder gebraucht, werden reichlich gefettet eingesetzt. Als Faustregel gilt, dass es genug Fett ist, wenn sich das offene Steigwerk mit den Gewichten nach unten zeigend halten lässt ohne das diese herausfallen. Zur Schmierung wird üblicherweise Radlagerfett empfohlen.

Einbau des Variators:
Beim Einbau ist, wie beim Ausbau, größte Sorgfalt gefragt. Der Variators und alle anderen Bauteile müssen perfekt sitzen. Im Zweifel lieber zweimal oder dreimal prüfen! Insbesondere die Verzahnungen auf der Kurbelwelle müssen perfekt in die Gegenstücke greifen. 
Die Zentralmutter wird zunächst von Hand auf das mit Schraubensicherungsmittel bestrichene Gewinde der Kurbelwelle gedreht und dann auf Drehmoment angezogen. Hierbei unbedingt die Werksvorgabe beachten (üblicherweise zwischen 30 und 50 NM). 



Besonderer Dank an Benjamin Schmitz für einige der Fotos (siehe Namensnennung unter dem jeweiligen Bild).


1 Kommentar:

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